Der Regen hatte inzwischen die gesamte Stadt übernommen.
Die Scheiben der Bibliothek waren voller Wassertropfen. Draußen verschwammen Autos, Häuser und Menschen zu grauen Schatten.
Lea saß am Tisch und beobachtete das Wetter.
Eigentlich hätte sie längst nach Hause fahren sollen.
Eigentlich hätte Noah ebenfalls längst weg sein sollen.
Doch stattdessen saßen sie noch immer hier.
Zwischen Büchern.
Zwischen Notizen zur Mondlandung.
Und irgendwo zwischen Freundschaft und etwas anderem.
„Ich glaube, der Regen gewinnt“, sagte Noah.
„Eindeutig.“
„Wir könnten schwimmen.“
„Zur Bushaltestelle?“
„Olympische Disziplin.“
Lea lachte.
Sie stellte fest, dass sie in Noahs Gegenwart inzwischen deutlich häufiger lachte als früher.
Der Gedanke gefiel ihr.
Und machte ihr gleichzeitig Angst.
Eine Mitarbeiterin der Bibliothek lief an ihrem Tisch vorbei.
„Wir schließen in zwanzig Minuten“, sagte sie freundlich.
„Danke“, antworteten beide gleichzeitig.
Als die Frau weiterging, sahen sie sich an.
„Schon wieder gleichzeitig“, sagte Noah.
„Das wird langsam unheimlich.“
„Vielleicht sollten wir weniger miteinander reden.“
„Schreckliche Idee.“
Noah grinste.
„Stimmt.“
Lea sah auf die Uhr.
Zwanzig Minuten.
Plötzlich erschien ihr das viel zu wenig.
Vor drei Stunden hätte sie nicht einmal gewusst, worüber sie mit Noah allein sprechen sollte.
Jetzt hatte sie das Gefühl, dass sie noch hundert Fragen hatte.
Mindestens.
„Darf ich dich etwas fragen?“ sagte Noah plötzlich.
Lea spürte sofort die Nervosität zurückkehren.
„Kommt auf die Frage an.“
„Das war kein Nein.“
„Frag einfach.“
Noah drehte seinen Stift zwischen den Fingern.
„Warum hast du am Anfang immer gedacht, ich wäre arrogant?“
Lea starrte ihn an.
„Woher weißt du das?“
„Weil du mich ungefähr zwei Monate lang angesehen hast, als würde ich regelmäßig kleine Hunde erschrecken.“
Lea musste lachen.
„So schlimm war es nicht.“
„Doch.“
„Vielleicht ein bisschen.“
„Und?“
Lea überlegte kurz.
„Du hast nie mit irgendwem gesprochen.“
„Das stimmt nicht.“
„Mit fast niemandem.“
„Okay.“
„Und du sahst immer aus, als würdest du über irgendetwas nachdenken.“
„Das stimmt tatsächlich.“
„Also dachte ich, du hältst alle anderen für nervig.“
Noah lachte.
„In Wahrheit war ich einfach schüchtern.“
Lea blinzelte.
„Du?“
„Ja.“
„Das glaube ich nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil du ständig mit mir redest.“
Die Worte waren heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte.
Für einen Moment wurde es still.
Diesmal richtig still.
Noah sah sie an.
Dann lächelte er.
Kein Grinsen.
Kein Scherz.
Ein ehrliches Lächeln.
„Mit dir ist es leichter.“
Leas Herz machte einen Sprung.
Einen sehr großen.
Sie wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit ihren Händen.
Oder ihrem Blick.
Oder überhaupt mit sich selbst.
„Oh“, sagte sie schließlich.
Es war vermutlich nicht die intelligenteste Antwort der Welt.
Noah schien sie trotzdem zu mögen.
Denn er lächelte immer noch.
„Ja“, sagte er leise.
In diesem Moment begann die Lautsprecheranlage der Bibliothek zu knistern.
„Liebe Besucherinnen und Besucher, die Bibliothek schließt in fünf Minuten.“
Lea hätte die Lautsprecheranlage am liebsten persönlich verklagt.
Fünf Minuten.
Das war unfair wenig.
Gemeinsam packten sie ihre Sachen zusammen.
Langsam.
Vielleicht sogar absichtlich langsam.
Als sie schließlich zur Eingangstür gingen, hatte der Regen etwas nachgelassen.
Nicht viel.
Aber genug, um den Heimweg möglich erscheinen zu lassen.
Vor dem Gebäude blieben sie stehen.
Die Luft roch nach nassem Asphalt.
Über den Straßenlaternen hing feiner Nebel.
„Welche Linie musst du nehmen?“ fragte Noah.
„Die 42.“
Noah lächelte.
„Ich auch.“
„Praktisch.“
„Sehr praktisch.“
Gemeinsam gingen sie zur Haltestelle.
Sie war fast leer.
Nur zwei ältere Leute warteten bereits dort.
Lea bemerkte plötzlich, dass sich dieser Moment anders anfühlte als alle bisherigen.
Ruhiger.
Persönlicher.
Wichtiger.
Dann vibrierte Noahs Handy.
Wieder.
Wie schon am Vortag.
Sein Blick veränderte sich sofort.
Doch diesmal sah Lea genauer hin.
Es war nicht nur Sorge.
Es war Anspannung.
Und vielleicht sogar Angst.
Noah las die Nachricht.
Dann steckte er das Handy langsam weg.
„Alles okay?“ fragte Lea vorsichtig.
Für einen Moment schien Noah zu überlegen.
Als würde er entscheiden müssen.
Dann nickte er.
Aber nicht besonders überzeugend.
„Nicht wirklich.“
Lea sah ihn überrascht an.
Das war das erste Mal, dass er nicht einfach „Ja“ sagte.
Der Bus bog gerade um die Ecke.
Die Scheinwerfer spiegelten sich auf der nassen Straße.
Noah sah kurz zu ihm.
Dann wieder zu Lea.
„Ich glaube“, sagte er langsam, „ich muss dir noch etwas erzählen.“
Die Bustüren öffneten sich zischend.
Doch plötzlich interessierte Lea der Bus überhaupt nicht mehr.