Die Bustüren standen offen.
Menschen stiegen ein.
Menschen stiegen aus.
Der Fahrer wartete bereits ungeduldig.
Doch Lea nahm all das nur am Rande wahr.
Ihr Blick blieb auf Noah gerichtet.
„Noch etwas?“ fragte sie.
Noah nickte langsam.
„Ja.“
Für einen Moment sagte keiner etwas.
Der Busfahrer betätigte die Hupe kurz.
„Steigen Sie ein oder bleiben Sie draußen!“, rief er durch das offene Fenster.
Lea und Noah sahen sich gleichzeitig an.
Dann mussten sie lachen.
Die Spannung löste sich für einen Augenblick.
Sie stiegen ein und setzten sich nach hinten in den Bus.
Diesmal war er fast leer.
Draußen zog die verregnete Stadt vorbei.
Drinnen summte leise der Motor.
Noah sah auf seine Hände.
Etwas, das er immer tat, wenn ihm ein Gespräch schwerfiel.
Lea hatte das inzwischen bemerkt.
„Also?“ fragte sie vorsichtig.
Noah atmete tief durch.
„Meine Eltern streiten sich seit Wochen wegen Hamburg.“
Lea blieb still.
Sie spürte sofort, dass das kein gewöhnliches Gespräch werden würde.
„Mein Vater will den Job unbedingt annehmen“, sagte Noah.
„Und deine Mutter?“
„Sie eigentlich nicht.“
Lea nickte langsam.
„Deshalb die Nachrichten?“
Noah sah überrascht auf.
„Du hast das bemerkt?“
„Ein bisschen.“
„Du beobachtest mich also doch.“
„Fang nicht wieder damit an.“
Noah lächelte kurz.
Doch das Lächeln verschwand schnell wieder.
„Gestern Abend haben sie wieder diskutiert.“
Er sah aus dem Fenster.
„Und heute auch.“
Lea wusste nicht genau, was sie sagen sollte.
Manchmal gab es keine perfekte Antwort.
Also sagte sie einfach:
„Das tut mir leid.“
Noah nickte.
„Danke.“
Eine Weile schwiegen beide.
Diesmal fühlte sich die Stille nicht unangenehm an.
Eher ehrlich.
Dann sagte Noah plötzlich:
„Deshalb wollte ich, dass du es von mir erfährst.“
Lea sah ihn an.
„Warum?“
Noah zögerte.
Zum ersten Mal wirkte er wirklich unsicher.
„Weil ...“
Er brach ab.
„Weil?“
Noah lachte nervös.
„Das ist schwieriger als gedacht.“
„Willkommen in meinem Alltag.“
Diesmal blieb sein Lächeln etwas länger.
Dann wurde er wieder ernst.
„Weil mir wichtig ist, was du denkst.“
Leas Herz schlug sofort schneller.
Deutlich schneller.
Sie hoffte, dass man es nicht hören konnte.
„Oh.“
Schon wieder dieses „Oh“.
Ihr Gehirn schien in wichtigen Situationen nur aus einem einzigen Wort zu bestehen.
Noah schüttelte lachend den Kopf.
„Du sagst oft Oh.“
„Ich weiß.“
„Ist irgendwie süß.“
Lea war plötzlich sehr froh, dass es im Bus nicht besonders hell war.
Sie war sich ziemlich sicher, dass ihr Gesicht inzwischen rot geworden war.
Der Bus hielt an einer Ampel.
Ein paar Fahrgäste stiegen aus.
Der Regen hatte inzwischen fast aufgehört.
Zwischen den Wolken zeigte sich sogar ein Stück blauer Himmel.
„Darf ich dir etwas Ehrliches sagen?“ fragte Lea nach einer Weile.
Noah nickte.
„Immer.“
Lea sammelte ihren Mut.
„Als du mir von Hamburg erzählt hast ...“
Sie stockte kurz.
„... hat mich das mehr getroffen, als es wahrscheinlich sollte.“
Noah sagte nichts.
Er hörte einfach zu.
„Und ich glaube“, fuhr Lea fort, „dass ich deshalb die letzten zwei Tage ziemlich verwirrt war.“
Wieder Stille.
Doch diesmal war es Noah, der nervös wirkte.
„Verwirrt?“
Lea nickte.
„Ja.“
Sie sah aus dem Fenster.
Dann wieder zu ihm.
„Weil ich nicht möchte, dass du wegziehst.“
Die Worte waren ausgesprochen.
Endlich.
Ein Teil von ihr wollte sofort aus dem Bus springen.
Der andere Teil war erleichtert.
Noah sah sie an.
Lange.
Sehr lange.
Dann lächelte er.
Nicht überrascht.
Nicht verwundert.
Sondern so, als hätte er genau das gehofft.
„Gut“, sagte er leise.
Lea blinzelte.
„Gut?“
„Ja.“
Sein Lächeln wurde etwas breiter.
„Weil ich nicht möchte, dass zwischen uns nur eine Gruppenarbeit bleibt.“
Leas Herz machte einen Satz.
Einen sehr großen.
Doch bevor sie antworten konnte, bremste der Bus.
Ihre Haltestelle.
Natürlich.
Ausgerechnet jetzt.
Die Türen öffneten sich.
Einige Fahrgäste standen auf.
Noah und Lea bewegten sich keinen Zentimeter.
„Das Timing ist wirklich schlecht“, murmelte Noah.
„Katastrophal.“
„Absolut katastrophal.“
Beide mussten lachen.
Doch die Haltestelle blieb hinter ihnen zurück.
Der Bus fuhr weiter.
Und keiner von beiden hatte auf den Knopf gedrückt.