Der Bus fuhr weiter.
Langsam.
Ganz normal.
Als wäre gerade nichts Besonderes passiert.
Doch für Lea fühlte sich alles andere als normal an.
Ihre Haltestelle lag bereits hinter ihnen.
Die Türen hatten sich geschlossen.
Und sie saß immer noch neben Noah.
„Wir haben unsere Haltestelle verpasst“, stellte Noah fest.
„Ja.“
„Absichtlich.“
„Offensichtlich.“
Beide mussten wieder lachen.
Ein älterer Herr auf der anderen Seite des Ganges warf ihnen einen kurzen Blick zu, als würde er sich fragen, was daran so lustig sein sollte.
Lea war das egal.
Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich leicht.
Fast schwerelos.
Der Bus bog in einen Stadtteil ein, den sie kaum kannte.
Hier stieg normalerweise niemand aus, den sie kannte.
Die Straßen waren ruhiger. Die Häuser etwas älter.
„Und jetzt?“ fragte Noah.
„Jetzt sitzen wir hier fest.“
„Tragisch.“
„Absolut.“
Für einen Moment schwiegen beide.
Diesmal war die Stille nicht nervös.
Sie fühlte sich angenehm an.
Dann sah Noah aus dem Fenster.
„Nächste Endhaltestelle.“
Lea folgte seinem Blick.
Tatsächlich.
Noch zwei Stationen.
„Dann müssen wir wohl aussteigen.“
„Scheint so.“
Der Bus erreichte wenige Minuten später die Endhaltestelle.
Die meisten Fahrgäste stiegen aus.
Auch Lea und Noah verließen den Bus.
Die Luft war frisch.
Der Regen hatte endgültig aufgehört.
Zwischen den Wolken kämpfte sich sogar etwas Abendsonne hervor.
„Ich war noch nie hier“, sagte Lea.
„Ich auch nicht.“
Sie sahen sich um.
Direkt gegenüber der Haltestelle lag ein kleiner Park.
Ein schmaler Weg führte zwischen Bäumen hindurch.
„Sollen wir auf den nächsten Bus warten?“ fragte Noah.
Lea überlegte kurz.
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Noch nicht.“
Noah lächelte.
„Gut.“
Wieder dieses Wort.
Und wieder machte es etwas mit ihr.
Gemeinsam gingen sie in den Park.
Der Weg war noch feucht vom Regen. Auf den Blättern glitzerten Wassertropfen im Abendlicht.
Ein paar Menschen führten ihre Hunde aus.
Sonst war es ruhig.
„Darf ich dir etwas gestehen?“ fragte Noah plötzlich.
Lea wurde sofort misstrauisch.
„Das klingt gefährlich.“
„Ein bisschen.“
„Dann raus damit.“
Noah atmete tief durch.
„Ich habe Hannah von dir erzählt.“
Lea blieb abrupt stehen.
„Was?“
Noah musste lachen.
„Genau deshalb wollte sie dich kennenlernen.“
„Moment.“
Lea verschränkte die Arme.
„Wie viel hast du ihr erzählt?“
„Nicht viel.“
„Das glaube ich nicht.“
„Ein bisschen.“
„Noah.“
„Okay. Mehr als ein bisschen.“
Lea schüttelte lachend den Kopf.
„Unglaublich.“
„Zu meiner Verteidigung: Hannah fragt sehr viel.“
„Und du antwortest offenbar sehr viel.“
„Leider ja.“
Sie gingen weiter.
Doch Lea spürte, wie ihr Herz wieder schneller schlug.
Er hatte über sie gesprochen.
Nicht einmal.
Offenbar öfter.
Genug, dass Hannah ihren Namen kannte.
Dieser Gedanke machte sie gleichzeitig glücklich und nervös.
„Und was genau hast du erzählt?“ fragte sie schließlich.
Noah sah auf den Weg.
„Dass du lustig bist.“
Lea lächelte.
„Das nehme ich.“
„Dass du schlauer bist als du selbst glaubst.“
„Das ist diskutierbar.“
„Und dass du ständig so tust, als wärst du selbstsicher, obwohl du es oft gar nicht bist.“
Lea blieb erneut stehen.
„Das habe ich nie zugegeben.“
„Musstest du nicht.“
Für einen Moment sahen sie sich einfach nur an.
Die Abendsonne brach durch die Wolken und tauchte den Park in warmes Licht.
Lea bemerkte plötzlich, wie nah sie nebeneinander standen.
Näher als sonst.
Deutlich näher.
Ihr Herz begann wieder verrückt zu spielen.
„Und?“ fragte sie leise.
„Und was?“
„War das alles?“
Noah lächelte.
Diesmal etwas unsicher.
„Nein.“
Lea wartete.
Doch Noah sagte nichts.
Er schien mit sich selbst zu kämpfen.
Zum ersten Mal wirkte er genauso nervös wie sie.
Vielleicht sogar nervöser.
Dann vibrierte plötzlich sein Handy.
Beide erschraken fast gleichzeitig.
Noah zog das Gerät aus der Tasche.
Eine Nachricht seiner Mutter.
Er las sie.
Und sein Gesichtsausdruck veränderte sich sofort.
Lea spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Was ist?“ fragte sie.
Noah sah auf das Display.
Dann wieder zu ihr.
Für einen Moment sagte er nichts.
Überhaupt nichts.
Schließlich steckte er das Handy langsam weg.
„Meine Eltern haben entschieden.“
Leas Herz blieb gefühlt stehen.
Der Park.
Die Sonne.
Der Abend.
Alles schien plötzlich ganz weit weg.
„Und?“ fragte sie leise.
Noah sah sie an.
Direkt.
„Das erzähle ich dir als Erstes.“
Und genau in diesem Moment wusste Lea, dass die nächsten Sekunden ihr Leben verändern konnten.