Lea hatte plötzlich das Gefühl, dass ihr Herz deutlich lauter schlug als erlaubt.
Der Park war still geworden.
Zumindest kam es ihr so vor.
Natürlich waren noch Menschen unterwegs. Irgendwo bellte ein Hund. In der Ferne fuhr ein Auto vorbei.
Doch all das erreichte sie nur noch gedämpft.
„Noah ...“
Mehr brachte sie nicht heraus.
Noah sah sie an.
Er wirkte genauso nervös wie sie.
Vielleicht sogar noch nervöser.
„Meine Eltern haben sich entschieden“, sagte er noch einmal.
Lea nickte langsam.
„Das habe ich verstanden.“
„Okay.“
„Und?“
Noah atmete tief ein.
Dann wieder aus.
„Wir ziehen nicht um.“
Für einen Moment passierte gar nichts.
Lea stand einfach nur da.
Als hätte ihr Gehirn beschlossen, die Information erst einmal zu prüfen.
„Nicht?“
„Nein.“
„Gar nicht?“
„Gar nicht.“
„Hamburg fällt aus?“
„Komplett.“
Lea spürte, wie sich etwas in ihr löste.
Etwas, das die letzten Tage ständig angespannt gewesen war.
Die Erleichterung traf sie so plötzlich, dass sie lachen musste.
Einfach so.
Noah sah sie an.
Dann musste er ebenfalls lachen.
„Das ist eine ziemlich deutliche Reaktion.“
„Tut mir leid.“
„Nein.“
Er lächelte.
„Eigentlich nicht.“
Lea schüttelte den Kopf.
„Du hast keine Ahnung, wie froh ich gerade bin.“
Die Worte waren heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte.
Doch diesmal bereute sie sie nicht.
Ganz im Gegenteil.
Noah wurde plötzlich ernst.
Nicht unangenehm ernst.
Eher aufmerksam.
„Doch“, sagte er leise.
„Ich glaube schon.“
Für einen Moment sagte keiner etwas.
Die Abendsonne stand inzwischen tief zwischen den Bäumen.
Der Himmel war nach dem Regen überraschend klar geworden.
Lea wusste, dass sie diesen Augenblick wahrscheinlich noch lange in Erinnerung behalten würde.
Und sie hatte das Gefühl, dass Noah das ebenfalls wusste.
„Weißt du“, sagte er schließlich, „eigentlich wollte ich dir noch etwas anderes sagen.“
Leas Herz beschloss sofort, wieder Probleme zu machen.
„Noch etwas?“
„Ja.“
„Heute ist ein sehr mitteilungsfreudiger Tag für dich.“
Noah lachte kurz.
„Normalerweise bin ich darin nicht besonders gut.“
„Das habe ich bemerkt.“
„Danke für die Unterstützung.“
„Immer gern.“
Wieder Stille.
Dann sah Noah auf den Weg vor sich.
„Hannah hat mir schon vor Wochen gesagt, dass ich ein Idiot bin.“
Lea musste lachen.
„Das klingt nach Hannah.“
„Ja.“
„Warum genau?“
Noah schüttelte den Kopf.
„Weil ich ständig von dir erzählt habe und trotzdem nichts gemacht habe.“
Lea blinzelte.
Einmal.
Zweimal.
Dann noch einmal.
„Was?“
„Genau das hat Hannah auch gesagt.“
„Nein, ich meine den ersten Teil.“
Noah lächelte unsicher.
„Den hast du schon richtig verstanden.“
Lea spürte, wie ihr Gesicht warm wurde.
Sehr warm.
Gefährlich warm.
„Oh.“
Noah begann zu lachen.
„Da ist es wieder.“
„Was?“
„Dein Oh.“
Lea versteckte ihr Gesicht kurz hinter den Händen.
„Irgendwann werde ich auch vollständige Sätze schaffen.“
„Kein Stress.“
„Danke.“
Für einige Sekunden standen sie einfach nur da.
Nebeneinander.
Im Abendlicht.
Und obwohl niemand etwas sagte, fühlte es sich nicht leer an.
Ganz im Gegenteil.
Dann räusperte sich Noah.
„Lea?“
„Ja?“
„Ich mag dich.“
Lea sah ihn an.
Direkt.
Ohne wegzuschauen.
Zum ersten Mal.
Und plötzlich war alles ganz einfach.
Die letzten Wochen.
Die Busfahrten.
Die Nervosität.
Die vielen Gedanken.
Alles ergab Sinn.
Sie lächelte.
„Gut.“
Jetzt war Noah derjenige, der überrascht aussah.
„Gut?“
Lea nickte.
„Ja.“
Dann trat sie einen kleinen Schritt näher.
„Weil ich dich auch mag.“
Für einen Moment schien Noah vergessen zu haben, wie man antwortete.
Lea fand das überraschend sympathisch.
Schließlich grinste er.
Dieses echte, ehrliche Grinsen, das sie inzwischen so gut kannte.
„Das ist wahrscheinlich der beste Tag meines Jahres.“
„Meines auch.“
„Sogar besser als die abgeschaffte Mathe-Hausaufgabe letzte Woche?“
„Okay, übertreib nicht.“
Beide mussten lachen.
Die Sonne verschwand langsam hinter den Bäumen.
Und irgendwo hinter ihnen fuhr ein Bus vorbei.
Ohne dass einer von beiden darauf achtete.
Denn zum ersten Mal seit langer Zeit war keine Haltestelle wichtig.
Nur dieser Moment.
Und der war noch nicht vorbei.