Am nächsten Morgen wachte Lea auf und brauchte einige Sekunden, um sich zu erinnern, warum sie so gute Laune hatte.
Dann fiel es ihr wieder ein.
Noah.
Der Park.
Hamburg.
Und das Gespräch.
Sofort musste sie lächeln.
„Das wird ein guter Tag“, murmelte sie.
Dann stand sie auf.
Zehn Minuten später stellte sie fest, dass sie bereits zum dritten Mal ihr Outfit wechselte.
„Das ist lächerlich“, sagte sie zu ihrem Spiegel.
Der Spiegel bot keine hilfreiche Antwort.
In der Schule wurde es nicht besser.
Jedes Mal, wenn Lea Noah irgendwo auf dem Flur entdeckte, musste sie automatisch lächeln.
Und jedes Mal lächelte Noah zurück.
Es war gleichzeitig wunderschön und unglaublich verwirrend.
In der ersten großen Pause tauchte Mia auf.
Sie betrachtete Lea genau drei Sekunden lang.
Dann verschränkte sie die Arme.
„Also.“
Lea seufzte.
„Was?“
„Erstens: Du grinst seit heute Morgen wie jemand, der im Lotto gewonnen hat.“
„Tue ich nicht.“
„Doch.“
„Vielleicht ein bisschen.“
„Zweitens“, fuhr Mia fort, „hat Noah vorhin denselben Gesichtsausdruck gehabt.“
Lea wurde rot.
„Mia.“
„Drittens: Ich fordere Informationen.“
„Das dachte ich mir.“
Mia grinste.
„Und?“
Lea versuchte noch fünf Sekunden lang, sich herauszureden.
Dann gab sie auf.
Als sie fertig erzählt hatte, sprang Mia fast von der Bank auf.
„ENDLICH!“
Mehrere Schüler drehten sich um.
„Etwas leiser!“
„Nein.“
„Mia!“
„Ich habe wochenlang darauf gewartet.“
Lea lachte.
„Du bist unmöglich.“
„Und trotzdem deine beste Freundin.“
„Leider.“
„Gern geschehen.“
Der Rest des Schultages verging erstaunlich schnell.
Nach dem Unterricht wartete Noah bereits an der Bushaltestelle.
Diesmal stand er nicht allein dort.
Neben ihm lehnte Hannah an der Anzeigetafel.
Als sie Lea sah, grinste sie sofort.
„Na endlich.“
„Bitte fang nicht an“, sagte Noah.
„Ich habe noch gar nichts gesagt.“
„Genau das macht mir Sorgen.“
Hannah lachte.
Dann sah sie Lea an.
„Er hat übrigens die ganze Nacht nicht geschlafen.“
„HANNAH!“
„Was denn? Ist doch wahr.“
Lea konnte nicht anders.
Sie musste lachen.
Noah schüttelte nur den Kopf.
„Irgendwann werde ich mich für alles rächen.“
„Unwahrscheinlich.“
Kurz darauf kam Hannahs Bus.
Sie stieg ein, winkte noch einmal durch die Scheibe und verschwand.
„Sie wird nie damit aufhören, oder?“ fragte Lea.
„Nein.“
„Gut zu wissen.“
Die beiden blieben an der Haltestelle zurück.
Zum ersten Mal ohne Schule.
Ohne Gruppenarbeit.
Ohne Ausreden.
Nur sie beide.
„Wollen wir noch ein Stück laufen?“ fragte Noah.
Lea nickte.
„Gern.“
Gemeinsam gingen sie die Straße entlang.
Der Himmel war klar. Die Sonne stand tief und tauchte die Häuser in warmes Licht.
Die Luft roch nach Frühling.
Nach einem Neuanfang.
Nach etwas Gutem.
„Weißt du“, sagte Noah nach einer Weile, „eigentlich ist die ganze Geschichte ziemlich verrückt.“
„Welche Geschichte?“
„Unsere.“
Lea lächelte.
„Warum?“
„Weil sie in einem Bus angefangen hat.“
„Stimmt.“
„Und fast immer in einem Bus weiterging.“
„Auch wahr.“
„Und weil wir vermutlich die einzigen Menschen sind, die freiwillig ihre Haltestelle verpassen.“
Lea lachte.
„Das war deine Schuld.“
„Lüge.“
„Beweis das Gegenteil.“
„Unmöglich.“
Sie gingen weiter.
Nebeneinander.
Ganz selbstverständlich.
Als hätten sie das schon immer getan.
Schließlich erreichten sie wieder die Haltestelle der Linie 42.
Genau die Haltestelle, an der alles begonnen hatte.
Die gleiche Bank.
Die gleiche Anzeigetafel.
Sogar das gleiche schiefe Mülleimerhäuschen stand noch dort.
Lea blieb kurz stehen.
„Komisch.“
„Was?“ fragte Noah.
„Vor ein paar Wochen hätte ich niemals gedacht, dass wir hier einmal stehen würden.“
Noah nickte.
„Ich auch nicht.“
Eine Weile schwiegen beide.
Dann setzte sich Noah auf die Bank.
Lea setzte sich neben ihn.
Nicht zu weit weg.
Diesmal nicht.
Die Abendsonne spiegelte sich in den Fenstern der Häuser.
Ein Bus näherte sich langsam der Haltestelle.
Die Linie 42.
Genau wie damals.
Lea beobachtete ihn kurz.
Dann sah sie zu Noah.
Und lächelte.
„Weißt du was?“
„Was denn?“
„Ich glaube, manchmal lohnt es sich, die richtige Haltestelle zu verpassen.“
Noah musste lachen.
„Das war ziemlich kitschig.“
„Ein bisschen.“
„Aber auch wahr.“
Der Bus hielt vor ihnen.
Die Türen öffneten sich.
Menschen stiegen aus.
Menschen stiegen ein.
Der Fahrer wartete.
Doch diesmal hatten weder Lea noch Noah es eilig.
Denn ihre Geschichte hatte nicht an einer Endhaltestelle geendet.
Sondern gerade erst begonnen.