Das Quanten-Nachsitzen

Teil 1: Der Kaffee-Unglücksfall

Leo war eigentlich ein ganz normaler Schüler der zehnten Klasse. Seine größten Probleme waren normalerweise die Frage, warum Pizza in der Schulkantine wie Pappe schmeckte, und die Tatsache, dass seine Hausaufgaben eine unheimliche Tendenz dazu hatten, sich von selbst zu löschen. Doch dieser Dienstag war anders. Dieser Dienstag sollte das Raum-Zeit-Gefüge seiner Schule komplett aus den Angeln heben.

Es passierte in der siebten Stunde. Der Physikraum roch wie immer nach altem Linoleum und Kreidestaub. Vorne an der Tafel stand Herr Dr. Kringel, ein Mann, dessen Frisur stark an einen explodierten Löwenzahn erinnerte. Herr Kringel war nicht nur Lehrer, sondern auch leidenschaftlicher Hobby-Erfinder. Auf seinem Lehrertisch stand heute ein Kasten, der aussah wie eine Mischung aus einem Toaster, einer Mikrowelle und einem alten Gameboy.

„Das, meine lieben Schüler“, rief Herr Kringel mit leuchtenden Augen und fuchtelte mit einem Laserpointer herum, „ist der Q-Fluktuator 3000! Ein Prototyp, der theoretisch in der Lage ist, die Molekularstruktur von unbelebter Materie um wenige Sekunden in der Zeit zurückzuverschieben!“

In den hinteren Reihen wurde leise geschnarcht. Leo saß neben seiner besten Freundin Zoe, die gerade versuchte, einen Textmarker auf ihrer Nase zu balancieren. „Wenn er damit meine Noten zurückverschieben kann, bin ich interessiert“, flüsterte sie. Leo grinste und kramte in seinem Rucksack nach seiner Thermoskanne. Er brauchte dringend Kaffee.

Genau in diesem Moment passierte das Unglück. Herr Kringel, komplett in Fahrt, machte eine überdramatische Handbewegung, um die Genialität seiner Maschine zu unterstreichen. Dabei stieß er versehentlich gegen die Tischkante. Der schwere Kasten geriet ins Wanken.

„Achtung!“, rief Leo, sprang auf und wollte die Maschine auffangen. Doch statt der Maschine erwischte er mit dem Ellenbogen seine offene Kaffeetasse. Ein Schwall heißer, extrem süßer Kaffee flog in einer perfekten Parabel durch den Raum – und klatschte mitten in die offene Verkabelung des Q-Fluktuators.

Es blitzte blau. Ein Geräusch, das wie ein beleidigtes „Bzzzt-Wupp“ klang, echote durch das Zimmer. Eine kleine Rauchwolke in Form eines Fragezeichens stieg auf. Und dann… passierte erst einmal gar nichts.

Herr Kringel starrte fassungslos auf sein Gerät. Die Klasse hielt den Atem an. Zoe hatte vor Schreck ihren Textmarker verschluckt (oder zumindest fast).

„Leo…“, flüsterte Herr Kringel mit gefährlich leiser Stimme. „Sie haben soeben meinen Lebenswerk-Prototypen mit einem doppelten Espresso ertränkt.“

„Es war ein Latte Macchiato, Herr Dr. Kringel…“, piepste Leo entschuldigend.

„Egal! Das bedeutet Nachsitzen. Heute. Nach der Schule. Sie reinigen diese Maschine, und zwar gründlich!“, donnerte der Lehrer.

Was Herr Kringel und Leo in diesem Moment noch nicht ahnten: Der Kaffee hatte im Inneren der Maschine eine chemisch-quantenphysische Kettenreaktion ausgelöst. Als die Schulglocke zur Entlassung läutete, vibrierte das Gehäuse des Toaster-Gameboys ganz leise im Takt der Schulhymne. Das Abenteuer hatte offiziell begonnen.