Um Punkt fünfzehn Uhr saß Leo allein im Physikraum. Vor ihm auf dem Tisch stand der Kaffee-getränkte Q-Fluktuator 3000, daneben eine Packung Wattestäbchen und eine Flasche Spezialreiniger. Herr Kringel war kurz ins Lehrerzimmer gegangen, um „nervenschonenden Kräutertee“ zu holen.
„Super gemacht, Leo“, murmelte er selbstgesprächig, während er vorsichtig ein klebriges Zahnrad abwischte. „Andere Leute kriegen beim Nachsitzen Strafarbeiten wie 'Ich darf keine Flugzeuge aus Papier bauen'. Ich darf die Relativitätstheorie saubermachen.“
Plötzlich gab die Maschine ein seltsames Geräusch von sich. Es klang nicht mehr wie ein beleidigtes „Bzzzt“, sondern eher wie ein fröhliches Glucksen, gefolgt von einem lauten *Ping!*, das stark an einen fertigen Toast erinnerte. Die kleine Digitalanzeige auf dem Gehäuse, die vorher komplett schwarz war, leuchtete giftgrün auf.
„System-Update erfolgreich. Kaffee-Antrieb aktiviert. Bitte wählen Sie Ihr Ziel“, erschien in pixeligen Buchstaben auf dem Display.
Leo blinzelte. „Mein Ziel? Was für ein Ziel?“
Er streckte die Hand aus und tippte vorsichtig auf das Steuerkreuz des alten Gameboy-Elements. Im selben Moment schoss ein dünner, neongrüner Laserstrahl aus der Vorderseite des Geräts. Der Strahl sauste quer durch den Raum und traf das große, fahrbare Whiteboard, das neben der Tafel stand. Auf dem Board waren noch die komplizierten Mathe-Formeln der Oberstufe von heute Morgen aufgemalt.
Das Whiteboard begann zu vibrieren. Dann passierte etwas, das Leo seinen Augen kaum trauen ließ: Die Aluminium-Beine des Boards bogen sich elastisch nach außen, die Rollen fingen an, sich wie kleine Pfoten zu bewegen, und das gesamte Gestell schüttelte sich wie ein nasser Hund. Die mathematischen Formeln auf der Oberfläche ordneten sich blitzschnell um und bildeten zwei große, quadratische Augen und einen leicht gezackten Mund.
„Hallo Schöpfer!“, sagte das Whiteboard. Die Stimme klang wie ein metallischer Sprachassistent, der ein bisschen zu viel Zucker erwischt hatte.
Leo fiel fast vom Stuhl. Er drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand. „Du… du sprichst?!“, stammelte er.
„Negativ. Ich kommuniziere visuell und akustisch auf Basis der mir aufgetragenen mathematischen Konstanten!“, erklärte das Whiteboard stolz und rollte ein Stück auf Leo zu. „Mein aktueller Status: Extrem motiviert! Möchtest du eine Kurvendiskussion durchführen? Oder soll ich die Weltherrschaft berechnen?“
„Nein! Nein, bloß keine Mathe-Formeln!“, rief Leo panisch. Er realisierte das Ausmaß der Katastrophe: Er hatte nicht nur die Maschine repariert, er hatte ein Möbelstück zum Leben erweckt. Und das Schlimmste daran? In genau zwei Minuten würde Herr Kringel mit seinem Kräutertee durch die Tür kommen. Wenn der Lehrer ein sprechendes, herumlaufendes Whiteboard sah, würde Leo wahrscheinlich bis zur Rente nachsitzen müssen.
„Okay, zuhören, Kumpel“, flüsterte Leo und versuchte, so autoritär wie möglich zu klingen. „Du musst dich verstecken. Sofort!“
„Verstanden. Suchmodus aktiviert“, antwortete das Whiteboard, drehte sich auf seinen Rollen im Kreis und steuerte mit Vollgas auf die Tür zu – genau in dem Moment, als sich die Klinke von außen nach unten bewegte.