Das Chongqing-Cyber-Chaos

Teil 19: Echoes aus der Tiefe

„Hier entlang! Beeilung!“, rief Zhao und riss eine schwere, verrostete Bodenluke auf, die hinter einem Haufen alter Server-Gehäuse verborgen war. Ein modriger, kalter Luftzug schlug ihnen entgegen. „Das ist das alte Wartungssystem der Magnetschwebebahnen aus der Ära vor dem großen Blackout. Keine Sensoren, kein Netz. Die Eiserne Ente wird da unten blind sein.“

Mei sprang als Erste hinein, ihr beschädigtes Hoverboard fest unter den Arm geklemmt. Lu half Bao, dessen schwere Zusatzpanzerung beim Abstieg laut gegen die Metallsprossen der Leiter schepperte. Zhao blickte noch einmal zurück auf seine zerstörte Halle, spuckte auf den Boden und folgte ihnen, bevor er die Luke von innen verriegelte. Just in diesem Moment war von oben das dumpfe Grollen von weiteren Explosionen zu hören. Die Verstärkung des Syndikats war da – aber zu spät.

Unten angekommen, schaltete Lu die Taschenlampe seines Daten-Pads ein. Der Strahl schnitt durch eine Dunkelheit, die so dicht war, dass sie fast greifbar wirkte. Sie standen in einem gigantischen, kreisrunden Tunnel. Uralte, von Moos und Pilzen überwucherte Hyperloop-Röhren erstreckten sich in Unendlichkeit nach links und rechts.

Bao schaltete seine Scheinwerfer ein. Zwei kräftige, blaue Lichtkegel erhellten den Staub, der in der Luft tanzte. „Akustische Analyse läuft... Keine aktiven Maschinengeräusche im Radius von fünf Kilometern. Allerdings registriere ich eine ungewöhnlich hohe Konzentration von organischen Molekülen. Hier unten lagern... alte Lebensmittelkomponenten?“

„Unmöglich“, murmelte Lu, während sie vorsichtig tiefer in den Tunnel vordrangen. „Die Lebensmittelversorgung wird seit Jahrzehnten streng von den Megacorps kontrolliert. Alles ist synthetisch. Woher soll das kommen?“

Nach einem zwanzigminütigen Fußmarsch durch die gespenstische Stille öffnete sich der Tunnel plötzlich in eine riesige, unterirdische Kaverne. Was Baos Scheinwerfer dort enthüllten, ließ selbst Zhao den Atem stocken.

Vor ihnen lag das Skelett eines gigantischen, verunglückten Fracht-Zugs aus dem letzten Jahrhundert. Die Waggons waren aufgerissen, doch der Permafrost der tiefen Erde hatte den Inhalt konserviert. Tausende von versiegelten Behältern stapelten sich dort. Lu trat an einen heran, wischte den Staub von der Plakette und las ungläubig vor: „Projekt: Arche. Echte Weizenkörner. Getrocknete Chilis aus originalem Anbau. Unraffinierte Natursatze. Baujahr 2088.“

Mei stieß einen leisen Pfiff aus. „Das ist kein Schrottplatz, Lu. Das ist eine Goldmine. Echtes, unverändertes Essen. Die Eiserne Ente kämpft um die Macht auf den Straßen, während hier unten die Wiege der kulinarischen Zivilisation verrottet.“

Bao rollte langsam auf die Behälter zu. Seine Linsen flackerten in einem schnellen, fast euphorischen Rhythmus. „Scanne DNA-Struktur... Die Qualität dieser Zutaten übersteigt die heutigen Synthese-Produkte um das $2400$-Fache. Wenn wir diese Ressourcen nutzen, können wir nicht nur die Nudeln von Madame Sheng reproduzieren – wir können die gesamte kulinarische Kultur von Neo-Chongqing revolutionieren. Die Eiserne Ente hat keine Chance gegen den Geschmack der Realität.“

Doch die Euphorie hielt nur kurz. Ein tiefes, mechanisches Grollen vibrierte durch den Boden der Kaverne. Es kam nicht von den Verfolgern aus der Oberstadt. Etwas anderes, Großes, das seit Jahrzehnten in dieser Dunkelheit geschlafen hatte, war durch das Licht und die Stimmen erwacht.