Drei Tage vergingen, und der Vollmond näherte sich wie ein neugieriges Auge am Himmel. Jede Nacht wurde er ein bisschen runder, ein bisschen heller, und Kofi spürte, wie die Savanne Unruhe verbreitete – wie ein Murmeln unter der Erde, das niemand hören konnte, aber jeder fühlte.
Am dritten Abend saßen alle unter dem Baobab-Baum zusammen. Tante Nala hatte Tee gekocht, der nach Ingwer und Geheimnissen roch.
„Also", sagte Kofi und schaute in die Runde, „wer genau hat diese Höhle erwähnt?"
Stille.
„Ich dachte, du wüsstest das", sagte Lamu und zupfte nervös an seinem roten Halstuch.
„Ich?", rief Kofi. „Ich dachte, Tante Nala hat das gesagt!"
„Nein", sagte Tante Nala ruhig. „Ich habe gesagt: achtet auf den Vollmond. Die Stimme aus dem Wald war jemand anders."
„Jemand anders?", wiederholte Zahara und reckte ihren Hals, als könnte sie über die Bäume hinweg sehen. „Wer redet denn aus dem Wald?"
„ICH!", rief eine laute Stimme.
Alle fuhren zusammen. Aus dem Gebüsch trat eine Gestalt hervor, die keiner von ihnen je gesehen hatte: ein Warzenschwein mit einer Brille, einem Notizbuch und einem Pinsel hinter dem Ohr. Er trug einen winzigen Rucksack, der aussah, als wäre er aus Schneckenhäusern zusammengeklebt.
„Guten Abend", sagte er und verneigte sich so tief, dass seine Brille herunterfiel. „Mein Name ist Professor Pimbua. Ich bin Archäologe, Geschichtenerzähler und – nach eigenen Maßstäben – Genie."
„Nach eigenen Maßstäben", wiederholte Gustav trocken vom Himmel herab.
„Genau!", rief der Professor und hob seine Brille auf. „Denn wer sonst misst meine Genialität? Niemand! Und das ist genau das Problem!"
Felix kicherte. „Er redet wie ein Frosch, der zu viele Fliegen gegessen hat."
„Ich habe Fliegen gehört?", rief der Professor begeistert. „Sind sie süß? Knusprig? Wissen sie etwas über die Geschichte der Savanne?"
„Ähm", sagte Felix. „Sie schmecken wie Donuts?"
„DONUTS!", rief der Professor. „DAS IST EIN HISTORISCHER BEGRIFF! DAS MUSS ICH AUFschreiben!" Er zog sein Notizbuch heraus und kritzelte wild hinein.
Kofi räusperte sich. „Herr Professor, Sie haben etwas über eine Höhle gesagt?"
„Oh! Ja! Natürlich!", rief Pimbua und schob seine Brille auf die Nase. „Die Höhle der alten Wünsche. Eine Höhle, die sich nur bei Vollmond öffnet. Drinnen gibt es Bilder – gemalt von den allerersten Bewohnern der Savanne. Und diese Bilder... wollen etwas."
„Wollen etwas?", fragte Zahara nervös. „Bilder können nichts wollen."
„Doch!", sagte Pimbua dramatisch. „Wenn der Vollmond scheint, werden die Bilder lebendig. Nicht wie echte Tiere – sondern wie Erinnerungen. Sie zeigen, was die Savanne einmal war. Und was sie werden könnte."
„Und was war sie einmal?", fragte Lamu leise.
Der Professor wurde unerwartet ernst. „Ein Ort, an dem alle Tiere gleich sprachen. Elefanten und Ameisen. Löwen und Hasen. Jeder konnte jedem zuhören. Aber dann... kam jemand auf die Idee, dass manche Stimmen wichtiger sind als andere."
Stille.
Sogar Herr Bongo, der gerade versuchte, eine Spinne mit seinem Rüssel zu fangen, hielt inne. „DAS IST TRAURIG", sagte er leise – was für seine Verhältnisse fast flüsternd war.
„Aber die Höhle kann das ändern?", fragte Kofi.
„Vielleicht", sagte Pimbua. „Die Bilder zeigen den Weg. Aber man muss sie verstehen. Und dafür braucht man jemanden, der liest, was keine Worte hat."
„Und das sind Sie?", fragte Gustav skeptisch.
„ICH?", rief Pimbua und fiel fast um. „Nein! Ich bin nur der Bote! Ich kann nicht mal lesen – ich kann nur schreiben! Das ist ein großer Unterschied!"
„Sie können schreiben, aber nicht lesen?", wiederholte Zahara ungläubig.
„Natürlich!", sagte Pimbua stolz. „Schreiben ist kreativ! Lesen ist... für andere!"
Kofi schüttelte den Kopf. „Also brauchen wir jemanden, der die Bilder in der Höhle lesen kann."
„Genau", sagte Tante Nala, die bisher geschwiegen hatte. „Und ich kenne jemanden."
Alle drehten sich zu ihr.
„Wer?", fragte Kofi.
Tante Nala lächelte geheimnisvoll. „Großvater Kwame. Er lebt am anderen Ende der Savanne, am Fuß der Roten Berge. Er ist der älteste Mensch, den ich kenne. Und er spricht mit allem – mit Steinen, mit Flüssen und mit Bildern, die keine Worte haben."
„Mit Steinen?", fragte Felix. „Kann man mit Steinen sprechen?"
„Kannst du mit Fliegen sprechen?", fragte Tante Nala.
„Gute Antwort", murmelte Felix.
„Dann müssen wir aufbrechen", sagte Kofi und stand auf. „Der Vollmond ist übermorgen. Wir haben nicht viel Zeit."
„ZEIT FÜR EIN ABENTEUER!", rief Bongo und machte eine Drehung, die einen kleinen Baum umknickte. „Oops."
„BONGO!", riefen alle gleichzeitig.
„ES WAR NUR EIN KLEINER BAUM!", verteidigte Bongo sich. „ER WIEDER WÄCHST!"
„Wächst", korrigierte Zahara automatisch.
„JA! DAS MEINTE ICH!"
Professor Pimbua hüpfte aufgeregt von einem Bein aufs andere. „ICH KOMME MIT! ICH MUSS DAS AUFschreiben! DAS WIRD DAS GRÖSSTE BUCH DER SAVANNE! ‚DIE HÖHLE DER ALTEN WÜNSCHE – EIN BERICH VON PROFESSOR PIMBUA'!"
„Bericht", sagte Zahara.
„DAS SAGTE ICH DOCH!"
So machte sich eine mittlerweile recht ansehnliche Gruppe auf den Weg: Kofi, Felix, Lamu, Zahara, Gustav, Herr Bongo, Professor Pimbua und Tante Nala, die den ganzen Weg über sumrmte und gelegentlich rief: „Vorsicht vor den Schlammloch bei Kilometer drei!"
„Welches Schlammloch?", fragte Kofi.
„DAS HIER!", rief Bongo, der bereits bis zum Bauch im Schlamm steckte.
„ICH HABE GEWARNT!", rief Tante Nala.
„HILFE!", brüllte Bongo. „ICH BIN EIN ELEFANT-MATSCH!"
Lamu kletterte auf Zaharas Kopf, um einen besseren Blick zu haben. „Er sieht eigentlich ganz lustig aus. Wie ein Grauer Pfannkuchen."
„PANNCake!", rief Felix. „Das ist ein Wort, das ich kenne! Weil Donuts und Pancakes Cousins sind!"
„Das sind sie nicht", sagte Gustav.
„DOCH! IN DER FROSCH-GRAMMATIK SIND SIE DAS!"
Während alle lachten und Bongo sich mühsam aus dem Schlamm zog, bemerkte Kofi etwas: Am Horizont, hinter den Akazien, leuchteten die Roten Berge im Mondlicht. Und dort – ganz oben – flackerte ein Licht.
„Seht ihr das?", fragte er leise.
Alle wurden still.
„Das ist Großvater Kwames Feuer", sagte Tante Nala. „Er weiß, dass wir kommen."
„Wie kann er das wissen?", fragte Lamu.
„Weil er mit dem Wind spricht", sagte Tante Nala. „Und der Wind hat es ihm erzählt."
Professor Pimbua kritzelte hastig in sein Notizbuch: „Wind = Postbote der Savanne. Muss untersucht werden."
„Wir sind fast da", sagte Kofi und lächelte. „Noch eine Nacht. Dann erfahren wir, was die Höhle uns sagen will."
Doch tief in den Roten Bergen, in einem Spalt, den kein Mondlicht erreichte, bewegte sich etwas Altes. Etwas Geduldiges. Etwas, das schon sehr lange wartete.
Und es flüsterte: „Endlich."
(Fortsetzung folgt in Teil 6...)