Als die Sonne endlich hinter den Roten Bergen unterging, erreichten die müden Reisenden das Lager von Großvater Kwame. Es war kein normales Lager: Statt Zelten gab es Steinhaufen, die wie kleine Hütten aussahen, und statt eines Feuers brannte ein leuchtender Kristall, der in einer Nische aus Fels ruhte.
Großvater Kwame saß vor dem Kristall und hielt einen kleinen Vogel auf seiner Hand. Der Vogel schlief, und Kwame sang leise eine Melodie, die klang wie Wasser, das über Steine fließt.
„Seid willkommen", sagte er, ohne die Augen zu öffnen. „Der Wind hat mir gesagt, dass ihr kommt. Und er hat gesagt: Bringt viel Schokolade."
„SCHOKOLADE?", rief Bongo erfreut. „WIR HABEN NOCH EINIGE STÜCKE ÜBRIG!"
„Nur eine Scheibe!", warnte Tante Nala streng.
Kwame öffnete schließlich die Augen. Sie waren alt – so alt wie die Berge selbst – aber hell wie junge Sterne. „Ah", sagte er und lächelte. „Die Reise durch die Schlammloch. Ich kann es riechen."
„Sieh mich an", sagte Bongo und drehte sich herum. „Ich rieche immer noch matschig!"
„Das ist gut", sagte Kwame ruhig. „Matsch bedeutet Leben. Leben bedeutet Abenteuer. Abenteuer bedeutet Geschichte."
Professor Pimbua kramte sein Notizbuch heraus. „Historische Beweise: Matsch = Geschichte. Das werde ich aufschreiben!"
„Aber zuerst", sagte Kwame und stand langsam auf, seine Gelenke knarrten wie alter Baumholz, „musst ihr mir erklären, warum ihr hier seid. Ohne Umwege."
„Über die Höhle der alten Wünsche", sagte Kofi und trat vor. „Professor Pimbua hat uns davon erzählt. Wir wollen die Bilder verstehen."
„Ich weiß", sagte Kwame und nickte langsam. „Aber wisst ihr, was diese Bilder wirklich sind?"
„Bilder?", fragte Felix verwirrt. „Gemalte Zeichnungen?"
„Nein", sagte Kwame. „Erinnerungen. Jedes Bild ist eine Erinnerung der Savanne. Erinnerungen, die nicht vergehen dürfen. Weil sie wichtig sind."
„Für was?", fragte Lamu.
„Um zu zeigen, wer wir waren. Damit wir wissen, wer wir sein können", sagte Kwame. „Aber Achtung: Nicht alle Erinnerungen sind freudig. Manche sind Schmerz. Manche sind Warnungen."
„Warnungen?", wiederholte Zahara besorgt.
„Genau", sagte Kwame. „Die Höhle zeigt euch den Weg. Aber sie zeigt euch auch die Fallen. Denn jemand hat die Bilder... verändert."
„Verändert?", fragte Kofi. „Wie kann man eine Erinnerung verändern?"
„Durch Worte", sagte Kwame. „Wenn man lange genug sagt, dass etwas wahr ist, wird es für viele wahr. Auch wenn es falsch ist."
Stille breitete sich aus. Sogar der Vogel auf Kwames Hand hielt die Augen auf.
„Wer hat die Bilder verändert?", fragte Tante Nala leise.
„Jemand, der Macht wollte", sagte Kwame. „Jemand, der glaubte, dass manche Stimmen wichtiger sind als andere. Wie Professor Pimbua vorhin sagte."
„ICH?", rief Pimbua schockiert. „Ich habe nichts gesagt!"
„Sie haben es gedacht", sagte Kwame ruhig. „Und Gedanken werden manchmal laut."
Pimbua senkte beschämt den Kopf. „Oh..."
„Aber es gibt Hoffnung", fuhr Kwame fort. „In der Höhle liegt ein Spiegel. Nicht aus Glas. Aus Wasser. Wenn ihr hineinschaut, seht ihr nicht euer Gesicht. Sondern eure Absicht."
„Absicht?", wiederholte Felix.
„Ja. Warum seid ihr hier? Was wollt ihr wirklich? Das sieht der Spiegel."
„Und was passiert dann?", fragte Kofi.
„Dann entscheidet die Höhle, ob ihr bereit seid", sagte Kwame. „Und wenn ihr bereit seid, seht ihr die Wahrheit. Nicht die verzerrte Version. Die wahre."
„Können wir jetzt gehen?", fragte Lamu ungeduldig. „Der Vollmond steht bald da!"
„Nein", sagte Kwame ernst. „Zuerst müsst ihr eine Aufgabe erfüllen. Bevor ihr die Höhle betretet."
„Eine Aufgabe?", fragte Bongo aufgeregt. „Soll ich tanzen?"
„Nein", sagte Kwame und lachte – ein Geräusch, das klang wie ein alter Fluss, der wieder fließt. „Ihr müsst einander etwas sagen. Etwas, das ihr noch nie gesagt habt."
„Was?", fragte Kofi verwirrt.
„Etwas Wichtiges", sagte Kwame. „Etwas, das im Herzen steckt, aber nie gesprochen wurde. Denn bevor ihr die Bilder der Vergangenheit seht, müsst ihr eure Gegenwart verstehen."
Alle schauten sich an. Es war still. Der Wind rauschte sanft über die Felsen.
„Ich fange an", sagte Lamu. „Kofi... danke. Dass du mich nie ausgelacht hast, als ich mein Lachen verloren habe."
Kofi lächelte. „Danke, Lamu. Dass du immer so mutig bist, obwohl du so klein bist."
„Felix", sagte Zahara. „Deine Donuts-Witze sind nicht immer lustig... aber sie machen mich zum Lachen."
„DAS IST EIN KOMPLIMENT!", rief Felix begeistert.
„Gustav", sagte Bongo. „Du bist oft laut... aber du hast immer gute Ideen."
„Das habe ich doch immer gesagt!", rief Gustav.
„Professor Pimbua", sagte Kwame. „Deine Aufgabe ist es, zu schreiben. Nicht aufzuschreiben. Sondern für die anderen."
Pimbua wurde rot unter seiner Haut. „Ich... ich verstehe."
„Tante Nala", sagte Kwame weiter. „Und deine Aufgabe?"
Tante Nala lächelte geheimnisvoll. „Meine Aufgabe ist es, zu warten. Und zu sehen, ob die Kinder ihre Lektion gelernt haben."
„Gut", sagte Kwame. „Jetzt seid ihr bereit."
Er stand auf und nahm einen kleinen Stein aus seiner Tasche. Der Stein leuchtete schwach, wie ein Stern in der Handfläche. Er warf ihn in die Luft. Der Stein landete nicht. Stattdessen öffnete er sich zu einem Portal – ein Tor aus Licht und Schatten.
„Geht", sagte Kwame. „Der Vollmond steht jetzt. Die Höhle wartet. Aber denkt daran: Nicht alles, was ihr seht, ist für euch bestimmt. Manche Erinnerungen gehören anderen. Respektiert das."
„Was müssen wir tun, wenn wir fertig sind?", fragte Kofi.
„Kehrt zurück", sagte Kwame. „Und erzähl niemandem, was du gesehen hast. Das gehört dir allein. Aber tu etwas Gutes damit."
„Verstanden", sagte Kofi.
Die Gruppe trat ins Portal. Der Weg führte sie durch einen Tunnel aus Licht, vorbei an Bildern, die sie noch nie gesehen hatten – alte Elefanten, die tanzten; Löwen, die mit Hasen spielten; Vögel, die gemeinsam sangen.
Und dann kamen sie an.
Die Höhle. Mit ihren Wänden, die wie lebendige Bücher aussahen. Mit ihren Bildern, die atmeten. Und in der Mitte – ein kleiner Teich, der wie ein Spiegel glänzte.
„Hier", sagte Kwames Stimme von draußen, die jetzt wie ein Echo klang. „Schaut hinein. Seht euren eigenen Weg."
Und einer nach dem anderen blickten in das Wasser...
(Fortsetzung folgt in Teil 7...)