Die Abenteuer des Kofi und des flüsternden Baobab

Teil 8 – Der Tag, an dem alle zuhörten

Die Rückkehr durch das Portal fühlte sich anders an. Nicht schneller, nicht heller – sondern schwerer. Wie ein Rucksack voller wichtiger Steine. Jeder trug etwas mit sich nach Hause, das er nicht mehr ablegen wollte.

Als sie Großvater Kwames Lager erreichten, stand der alte Mann bereits am Kristallfeuer und schien auf sie zu warten. In seiner Hand hielt er ein kleines Holzgefäß, das nach Honig und Erde roch.

„Ihr seid zurück", sagte er ruhig. „Und ihr seht... wacher aus."

„Wir haben gelernt", sagte Kofi. „Etwas Wichtiges."

„Das sehe ich", sagte Kwame. „Aber gelernt ist gut. Angewendet ist besser."

„Wie meinen Sie das?", fragte Lamu.

„Morgen ist der Tag des großen Rates", sagte Kwame. „Jedes Jahr treffen sich alle Tiere der Savanne unter dem Baobab-Baum, um Entscheidungen zu treffen. Aber dieses Jahr wird anders sein."

„Anders wie?", fragte Zahara neugierig.

„Weil die Schwestern vom Schattenfels dort sein werden", sagte Kwame. „Und weil sie etwas vorhaben."

„Was?", fragte Bongo besorgt. „Wollen sie brüllen?"

„Noch schlimmer", sagte Kwame. „Sie wollen regieren. Ohne jemanden zu fragen."

Professor Pimbua kritzelte wild in sein Notizbuch. „HYÄNENREGIERUNG = GEFÄHRLICH! MUSS VERHINDERT WERDEN!"

„Regieren?", wiederholte Kofi. „Aber wer hat ihnen das erlaubt?"

„Niemand", sagte Kwame. „Sie haben es einfach angenommen. Wie ein Elefant, der eine Maus reitet."

„Das klingt nicht gut", murmelte Felix.

„Es ist nicht gut", bestätigte Tante Nala. „Deshalb müsst ihr heute Nacht planen. Nicht kämpfen. Planen."

„Planen?", fragte Gustav. „Aber wir sind doch nur Kinder und Tiere!"

„Kinder und Tiere können mehr, als ihr denkt", sagte Kwame lächelnd. „Jetzt geht. Ruht euch aus. Der Tag wird lang."

Die Gruppe kehrte nach Sunrise-Savanne zurück. Unterwegs sprach niemand viel. Jeder dachte über das nach, was ihn in der Höhle erwartet hatte.

Am nächsten Morgen wachte die gesamte Savanne früher auf als sonst. Vögel sangen lauter. Ameisen arbeiteten schneller. Selbst die Flusspferde waren pünktlich am Wasserloch.

Weil alle wussten: Heute war der Tag des großen Rates.

Unter dem riesigen Baobab-Baum versammelten sich Hunderte von Tieren. Löwen saßen neben Hasen. Elefanten neben Mäuse. Alle warteten auf den Anfang.

Dann tauchten die Schwestern vom Schattenfels auf.

„HALLO, SAVANNE!", rief die Große mit ihrer brüllenden Stimme. „HEUTE ERHALTET IHR EURE NEUE FÜHRERINNEN!"

Ein Raunen ging durch die Menge.

„WIR SIND DIE STÄRKSTEN!", rief die Mittlere. „WIR SIND DIE LAUTESTEN!"

„WIR WOLLEN ALLES ENTSCHEIDEN!", lachte die Kleine.

Kofi trat vor. Mit seinen Freunden hinter sich. Mit einem Plan in seinem Kopf.

„Nein", sagte er leise.

Die Hyänen lachten. „DU? EIN MENSCHEN-JUNGE? WAS KANNST DU?"

„Zuhören", sagte Kofi.

„DAS IST KEINE KRAFT!", rief die Große.

„Doch", sagte Kofi. „Es ist die stärkste Kraft von allen."

Er drehte sich zur Menge und hob die Hand. „Ich bitte euch: Sprecht. Jeder von euch. Sagt, was ihr braucht."

Stille.

„Ich...", begann ein alter Faultier langsam. „Ich brauche... mehr Ruhe. Nicht jeder muss mich jagen."

„Ja!", riefen mehrere Hasen. „Wir brauchen Schutz vor den falschen Jagern!"

„Ich brauche Wasser", sagte ein Nashorn. „Der Fluss ist zu trocken geworden."

„Ich brauche... Platz zum Tanzen", sagte Bongo und hob stolz sein Haupt.

Die Menge wurde lebendig. Jeder redete. Jeder sprach. Und zum ersten Mal... hörten die Hyänen zu.

„Das ist", sagte die Mittlere verwirrt. „Das ist laut. Aber nicht unser Lärm."

„Das ist der Lärm der Wahrheit", sagte Kofi.

Die Große Hyäne schaute umher. Hunderte Stimmen. Hunderte Bedürfnisse. Keine konnte sie alle übertönen.

„WIR...", stammelte sie. „WIR KÖNNEN DAS NICHT..."

„Nein", sagte Kofi. „Das könnt ihr nicht. Weil es nicht euer Recht ist."

Die Kleinste Hyäne hörte auf zu lachen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hörte sie jemandem wirklich zu.

„Vielleicht", sagte sie leise, „sollten wir... einfach nur zuschauen?"

„Das ist eine gute Idee", sagte die Große überraschend.

Sie setzten sich. Neben die anderen. Nicht vorne. Nicht oben. Neben.

In diesem Moment kam Herr Bongo's Tante Zara – die Königin des Tanzes – angerauscht. Sie trug einen Hut aus Federn und einen Stock aus Bambus.

„ICH HÖRE, DASS ES EINE REGIERUNG GIBT?", rief sie. „WER HAT MICH GEFRAGT?"

„NIEMAND!", sagten alle gleichzeitig.

„DANN BIN ICH DIE KÖNIGIN!", rief Tante Zara. „WEIL ICH TANZEN KANN UND IHR NICHT!"

„DIESE SAVANNE HAT KEINE KÖNIGIN", sagte Kofi fest. „SIE HAT FREUNDE."

„FREUNDE?", wiederholte Tante Zara. „DAS KLINGT... SCHÖN."

Sie stellte ihren Hut ab. „DANN BIN ICH EINFACH NUR TANTE ZARA. OHNE KRONE."

„DAS IST BESSER", sagten viele Tiere erleichtert.

So wurde der große Rat zu etwas Neuem. Nicht zur Herrschaft. Sondern zum Gespräch. Jeder durfte sprechen. Jeder durfte zuhören.

Am Ende des Tages gab es keine Regeln. Nur Versprechen:

„Ich werde zuhören", versprach ein Löwe.

„Ich werde nicht lauter sein als andere", versprach eine Zebrasgruppe.

„Ich werde Fliegen teilen", versprach Felix.

„Ich werde nicht tanzen, wenn andere schlafen", versprach Bongo.

„Ich werde schreiben für alle", versprach Professor Pimbua.

„Und ich", sagte Kofi, „werde darauf achten, dass niemand vergisst, wie wichtig Zuhören ist."

Die Hyänen schauten sich an. Dann nickten sie langsam.

„WIR...", sagte die Große. „WIR WERDEN AUCH ZUHÖREN."

„OHNE ZU BRÜLLEN?", fragte die Kleine skeptisch.

„OHNE ZU BRÜLLEN", bestätigte die Große.

Und als die Sonne unterging, saßen alle zusammen – Menschen, Tiere, Hyänen, Elefanten, Giraffen – und teilten Schokolade von Tante Nala.

„Das", sagte Kwame von der Ferne her, als er das beobachtete, „ist die wahre Magie der Savanne."

„Welche Magie?", fragte Tante Nala.

„Die Magie, dass alle wichtig sind", sagte Kwame. „Nicht manche. Sämtliche."

„Das ist", murmelte Felix und aß seine letzte Schokoladenscheibe, „so süß wie ein Donut."

„Ein echter Donut", sagte Kofi lächelnd. „Nur besser."

Doch weit weg, in einer verborgenen Höhle unter den Roten Bergen, bewegte sich etwas Altes. Etwas, das die Versprechen gehört hatte. Und es flüsterte:

„Gut... aber die Prüfung ist noch nicht zu Ende."

(Fortsetzung folgt in Teil 9...)