Die Abenteuer des Kofi und des flüsternden Baobab

Teil 9 – Die letzte Prüfung

Die Tage nach dem großen Rat waren die schönsten, die die Savanne seit langem gesehen hatte. Tiere grüßten einander, die normalerweise grimmig dreinschauten. Die Flusspferde teilten ihr Wasserloch mit den Zebras. Sogar die Termiten bauten ihre Hüuser kleiner, damit niemand darüber stolperte.

„Das ist wunderbar", sagte Kofi und lehnte sich gegen den Baobab-Baum. „Alles ist... friedlich."

„Zu friedlich?", fragte der Baum flüsternd.

Kofi öffnete die Augen. „Was meinst du?"

„Erinnerst du dich an die Stimme aus den Roten Bergen? Sie sagte: Die Prüfung ist noch nicht zu Ende."

Kofi setzte sich auf. „Ich dachte, das wäre nur ein Echo."

„Echos wiederholen", sagte der Baum. „Aber diese Stimme sagte etwas Neues."

In diesem Moment rannte Lamu aufgeregt heran. Sein rotes Halstuch flatterte im Wind. „KOFI! KOFI! KOMM SCHNELL! ES PASSIERT ETWAS AM TEICH!"

„Was?", fragte Kofi und stand auf.

„DAS WASSER! ES SPRICHT!"

Kofi und Lamu rannten zum Seerosen-Teich. Felix hüpfte hinterher, Gustav kreiste oben, und Zahara folgte mit ihren langen Schritten, die fünf normale Schritte auf einmal nahm.

Als sie ankamen, sahen sie es: Der Teich leuchtete. Nicht grün, nicht blau – sondern golden. Und aus dem Wasser stiegen Blasen auf, die beim Platzen Worte flüsterten.

„Die Zeit... ist gekommen", sagte eine Blase und platzte.

„Wer seid ihr?", fragte eine andere Blase.

„Was wollt ihr?", fragte eine dritte.

Madame Croco saß am Ufer und starrte auf ihr eigenes Spiegelbild im Wasser. „ICH HABE DAS GEFÜHLT! DAS WASSER IST SEIT DREI TAGEN WARM! SO WARM WIE EINE SUPPE!"

„Das ist ungewöhnlich", sagte Zahara und kniete vorsichtig hinunter. „Madame Croco, seit wann ist der Teich warm?"

„SEIT DEM VOLLMOND!", rief sie. „SEIT IHR IN DER HÖHLE WART! ICH HABE ES EUCH NICHT GESAGT, WEIL ICH DACHTE, ES WÄRE EIN FLIEGEN-TRAUM!"

Plötzlich tauchte Großvater Kwame am Ufer auf. Er kam aus Richtung der Roten Berge und trug seinen leuchtenden Kristall in der Hand.

„Ich wusste es", sagte er ruhig. „Die Höhle hat euch die Wahrheit gezeigt. Aber die Wahrheit fordert einen Preis."

„Einen Preis?", fragte Kofi. „Was für einen Preis?"

„Die Wahrheit ist wie ein Same", sagte Kwame. „Man muss ihn pflanzen. Und gießen. Und pflegen. Wenn man das nicht tut, vertrocknet er. Und dann kommt etwas an seine Stelle, das man nicht will."

„Und was passiert, wenn wir nicht... pflanzen?", fragte Lamu leise.

Kwame zeigte auf den Teich. Das goldene Licht wurde intensiver. Die Blasen wurden größer. Und aus dem Wasser erhob sich eine Gestalt – eine riesige, schimmernde Figur, die aussah wie ein Tier, das alle Tiere zugleich war. Elefantenrüssel. Löwenmähne. Flügelpfenn. Giraffenhals. Und Augen – unzählige Augen, die alle gleichzeitig in verschiedene Richtungen schauten.

Alle traten zurück. Sogar Herr Bongo, der gerade angerannt kam und eine Staubwolke hinter sich ließ, hielt abrupt inne.

„WAS IST DAS?", rief Bongo. „EIN MONSTER?"

„Nein", sagte Kwame. „Das ist die Savanna-Seele. Sie schläft seit tausend Jahren. Und jetzt ist sie erwacht."

Die Savannen-Seele öffnete ihren Mund. Die Stimme, die herauskam, klang wie alle Stimmen der Savanne zugleich – tief und hoch, laut und leise, alt und jung.

„IHR HABT ZUGEORT,", sagte die Seele. „IHR HABT VERSPROCHEN. ABER WERD IHR AUCH HALTEN, WAS IHR VERSPROCHEN HABT?"

„Ja!", rief Kofi mutig. „Wir werden es halten!"

„DANN BEWEIS ES", sagte die Seele. „ICH LEGE EUCH EINE PRÜFUNG VOR. DIE LETZTE."

„Was müssen wir tun?", fragte Zahara.

Die Savannen-Seele breitete ihre Flügel aus. Aus dem Teich stiegen sieben leuchtende Kugeln auf, jede in einer anderen Farbe. Sie schwebten langsam über dem Wasser und pulsierten wie kleine Herzen.

„JEDER VON EUCH MUSS EINE KUGEL BERÜHREN", sagte die Seele. „IN JEDER KUGEL LIEGT EINE FRAGE. BEANTWORTET SIE WAHRHAFTIG – ODER DIE KUGEL ERBLISST."

„Erblisst?", fragte Felix nervös. „Was heißt das?"

„DANN IST DAS VERSPRECHEN GEBROCHEN", sagte die Seele. „UND DIE SAVANNE VERGISST."

„Vergisst?", wiederholte Kofi erschrocken. „Alles? Den Rat? Die Höhle? Die Wahrheit?"

„ALLES", sagte die Seele. „SO WIE ES VORHER WAR. STILLE. ORDUNG. ABER KEINE WAHRHEIT."

Stille.

„Das dürfen wir nicht zulassen", sagte Lamu bestimmt.

„DANN BEGINNT", sagte die Seele.

Die erste Kugel schwebte zu Kofi. Er berührte sie und eine Frage erschien in seinem Kopf:

„Warum willst du helfen?"

Kofi schluckte. Er dachte an alle Momente – an Felix, der den Mond fressen wollte. An Lamu, der sein Lachen verlor. An Madame Croco und ihre Fliegen. An die Höhle. An den Spiegel.

„Weil... weil ich ohne die anderen nichts bin", sagte er leise. „Ich bin nicht besonders. Ich bin nur ein Junge. Aber wenn ich zuhöre, kann ich etwas bewirken. Nicht allein. Niemals allein."

Die Kugel leuchtete heller. Und blieb.

Die zweite Kugel schwebte zu Lamu. Die Frage:

„Was machst du, wenn niemand zuschaut?"

Lamu zögerte. „Ich... ich mache Witze. Für mich allein. Und wenn niemand lacht, frage ich mich, ob sie gut sind. Aber dann erinnere ich mich, dass Lachen nicht für andere ist. Es ist für mich. Weil Freude von innen kommt."

Die Kugel leuchtete. Und blieb.

Die dritte Kugel schwebte zu Zahara. Die Frage:

„Was siehst du, wenn du über alle hinwegblickst?"

Zahara schloss die Augen. „Ich sehe... das Gleiche wie alle anderen. Nur von oben. Das bedeutet nicht, dass ich mehr weiß. Es bedeutet, dass ich eine andere Perspektive habe. Und die ist wertvoll. Aber nicht mehr wert als die der Ameise unten."

Die Kugel leuchtete. Und blieb.

Die vierte Kugel schwebte zu Felix. Die Frage:

„Bist du mehr als ein Donut?"

Felix lachte. „HAHA! Ja! Ich bin ein Frosch! Aber manchmal bin ich auch ein Donut. Und manchmal bin ich ein Mond-Fresser. Und manchmal bin ich einfach nur... Felix. Und das reicht."

Die Kugel leuchtete. Und blieb.

Die fünfte Kugel schwebte zu Herr Bongo. Die Frage:

„Kannst du leise sein?"

Bongo senkte seinen großen Kopf. „ICH... ICH BIN IMMER LAUT. WEIL ICH ANGST HABE, DASS NIEMAND MICH HÖRT, WENN ICH LEISE BIN."

Stille.

„ABER...", fuhr Bongo fort, und seine Stimme wurde tatsächlich leiser – so leise, dass sich alle vorbeugten, „...vielleicht ist es genug, dass ICH mich höre. Wenn ich leise bin, kann ich hören, was die anderen sagen. Und das... das ist besser als jedes Brüllen."

Die Kugel leuchtete. Und blieb.

Die sechste Kugel schwebte zu Gustav. Die Frage:

„Was ist wichtiger: wissen oder verstehen?"

Gustav richtete seine Federn. „Ich habe mein ganzes Leben lang Bücher gefressen. Wörter gekaut. Sätze geschluckt. Aber ich habe nie verstanden, was sie bedeuteten. Wissen ist etwas, was man hat. Verstehen ist etwas, was man wird. Und ich möchte... werden."

Die Kugel leuchtete. Und blieb.

Die siebte Kugel schwebte zu Professor Pimbua. Die Frage:

„Wem gehört deine Geschichte?"

Pimbua trat von einem Fuß auf den anderen. Er schaute auf sein Notizbuch. Dann schaute auf seine Freunde. Dann zerriss er eine Seite aus seinem Notizbuch und legte sie in den Wind.

„Allen", sagte er leise. „Sie gehört allen. Und wenn jemand sie verändern will, dann müssen alle zustimmen. Nicht nur ich."

Die Kugel leuchtete. Und blieb.

Sieben Kugeln. Sieben Antworten. Alle wahrhaftig.

Die Savannen-Seele breitete ihre Flügel aus und lächelte – wenn ein Wesen mit so vielen Gesichtern lächeln kann.

„IHR HABT BESTANDEN", sagte sie. „DIE WAHRHEIT BLEIBT. DIE SAVANNE VERGISST NICHT."

Die Kugeln stiegen in den Himmel und verwandelten sich in Sterne. Sieben neue Sterne, die hell leuchteten und nie erblissten.

Die Savannen-Seele sank langsam zurück ins Wasser. Aber bevor sie verschwand, sagte sie ein letztes Mal:

„PFLANZT DIE WAHRHEIT. GIEßT SIE. PFLEGT SIE. UND DENKT DARAN: DIE GRÖSSTE KRAFT IST NICHT, WAS MAN SAGT. SONDERN WAS MAN TUT."

Dann war sie fort. Der Teich war wieder normal. Grün. Still. Mit Seerosen.

„Das war", sagte Felix und wischte sich eine Träne ab, „schöner als jeder Donut."

„Das war schöner als alles", sagte Kofi.

Tante Nala trat neben ihn und legte die Hand auf seine Schulter. „Du hast gut gemacht, mein Junge. Ihr alle."

„ABER", sagte Bongo leise – wirklich leise –, „was jetzt?"

Kofi blickte zum Himmel. Die sieben Sterne leuchteten über der Savanne.

„Jetzt gehen wir nach Hause", sagte er. „Und morgen fangen wir an, die Wahrheit zu pflanzen."

„Wie pflanzt man Wahrheit?", fragte Lamu.

„Indem man sie lebt", sagte Kwame und lächelte.

(Fortsetzung folgt in Teil 10...)