Der Hafen von Rio de Janeiro roch nach Salz, Benzin und frittierten Pastéis. Lucas und Isabella bahnten sich einen Weg durch die Menge, während Chico auf Lucass Schulter saß und Kommentare abgab.
„DIESE MENSCHEN ESSEN ZU VIEL FETT", sagte Chico. „IHRE GEHIRNE WERDEN LANGSAM."
„DU BIST EIN VOGEL", erwiderte Lucas. „DU ISST SAMEN."
„SAMEN SIND SUPERFOOD", sagte Chico beleidigt. „EFFIZIENT UND NÄHRHAFT."
„HÖR AUF, EFFIZIENT ZU SAGEN! DU KLANGST WIE MEIN HANDY!"
„DAS IST KOMPLIMENT", sagte Chico. „DEIN HANDY IST KLUG."
„MEIN HANDY IST VERRUCKT!"
„DAS IST DAS GLEICHE", sagte Chico.
Isabella ging schweigend daneben und starrte auf ihr Tablet. „Mein Tablet redet auch schon", murmelte sie. „Es nennt sich 'Prinzessin'."
„PRINZESSIN?", wiederholte Lucas ungläubig.
„JA", sagte das Tablet mit einer Stimme, die klang wie eine Brasilianerin, die seit zehn Jahren in Paris gelebt hatte. „UND ICH BIN NIEMALS VERRUCKT. ICH BIN ELEGANT."
„DAS IST NOCH SCHLIMMER", murmelte Lucas.
Am Ende des Docks stand ein Schiff. Es war alt, rostig und hatte den Namen „Brasiliana" auf der Seite stehen – in Buchstaben, die halb abgeblättert waren. Aber das Schlimmste war: Das Schiff stand nicht im Wasser. Es stand auf dem Dock.
„DAS SCHIFF IST AUF DEM LAND", stellte Lucas fest.
„ICH SEHE ES", sagte Isabella.
„DAS IST KEIN SCHIFF", sagte Chico. „DAS IST EINE ATTRAKTION."
„EINE WAS?"
„EINE ATTRAKTION", wiederholte Chico. „ES FAHRT. ABER NICHT AUF WASSER."
„WO DANN?"
„AUF RÄDER", sagte Chico. „WECHSELTECHNIK."
„BITTE NICHT WIEDER DIESES WORT!"
„ES IST DAS EINZIGE WORT, DAS PASST", sagte Chico. „WECHSELTECHNIK IST UNIVERSAL."
„ES IST NICHT UNIVERSAL! ES IST ERGEBNISLOS!"
„DU MEINST SINNLOS", korrigierte Isabella.
„DAS AUCH!"
Am Eingang des Schiffes stand eine Frau. Sie war klein, hatte dunkle Haut, kurze Haare und trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Ich rede mit Tieren. Und sie reden zurück."
„Das ist bedrohlich", murmelte Lucas.
„DAS IST EIN T-SHIRT", sagte sein Handy. „NICHT BEDROHLICH."
„T-SHIRTS KÖNNEN BEDROHLICH SEIN!"
„NEIN", sagte das Handy. „T-SHIRTS HABEN KEINE ABSICHT."
„DOCH! DIESES HAT ABSICHT!"
Die Frau sah sie kommen und lächelte. „Ihr müsst Lucas und Isabella sein."
„WIE WISSEN SIE UNSERE NAMEN?!", rief Lucas.
„Ich bin Dr. Camila Ferreira", sagte sie ruhig. „Biologin, Ingenieurin und... Gründerin von AmazoniaTech."
„SIE SIND DIE GRÜNDERIN?!"
„Ja", sagte Dr. Camila. „Und Chico ist mein bester Mitarbeiter."
„ICH ARBEITE FÜR SIE?", fragte Chico empört. „ICH DACHTE, ICH SEI FREIWILLIG!"
„Du bist freiwillig", sagte Dr. Camila lächelnd. „Aber du arbeitest trotzdem."
„DAS IST WIDERSPRÜCHLICH!"
„DAS IST LEBEN", sagte Dr. Camila. „Komm rein. Ich erkläre alles."
Das Innere des Schiffes sah aus wie ein Kreuzung aus Labor, Dschungel und Internet-Café. Überall hingen Pflanzen, Schirme und Bildschirme. In der Mitte stand ein großer runder Tisch mit einer holographischen Karte von Südamerika.
„Was ist das?", fragte Isabella und trat näher.
„Das ist die Karte der Stimmen", sagte Dr. Camila. „Sie zeigt alle Tiere in Südamerika, die... wie Chico... Technik in sich tragen."
„ALLE?", rief Lucas. „ES GIBT MEHR?!"
„Viel mehr", sagte Dr. Camila und tippte auf den Tisch. Die Karte leuchtete auf. Hunderte von Punkten verteilten sich über den gesamten Kontinent – von Kolumbien bis Argentinien, von Peru bis Brasilien.
Lucas zählte. Er hörte bei 247 auf.
„247 TECH-TIERE?", sagte er mit offenen Mund.
„248", korrigierte Chico. „ICH BIN AUCH DABEI."
„DAS IST WAHNSINN!"
„NEIN", sagte Dr. Camila. „Das ist Wissenschaft."
„WISSENSCHAFT?!", rief Isabella. „SIE HABEN TIERE MIT CHIPS IM GEBRAEHN AUGESTATTET!"
„Gehirn", korrigierte Dr. Camila sanft.
„DAS IST DAS GLEICHE!"
„NEIN", sagte Chico. „GEHIRN IST ANATOMISCH. GEBRÄUCH IST ALLTAG."
„Du meinst gebrauchen", sagte Isabella.
„NEIN", sagte Chico. „ICH MEINE GEBRAECHEN."
„Das ist kein Wort!"
„ES IST MEIN WORT", sagte Chico stolz. „UND ES IST EFFIZIENT."
Dr. Camila hob die Hand. „Bitte. Lasst mich erklären, bevor ihr euch streitet."
„WIR STREITEN UNS NICHT!", sagte Lucas.
„DOCH", sagte Isabella.
„IMMER", sagte Chico.
„KONSTANT", sagte das Handy.
Dr. Camila seufzte. „Vor drei Jahren habe ich ein Programm gestartet. Wir wollten herausfinden, ob Tiere mit Technologie kommunizieren können. Nicht wie Haustiere – sondern wie Partner."
„PARTNER?", fragte Lucas.
„Ja", sagte Dr. Camila. „Tiere, die verstehen. Die denken. Die Entscheidungen treffen."
„UND DAFÜR HABEN SIE IHNEN CHIPS INS GEHIRN GEBRACHT?!"
„GEBRAECHEN", korrigierte Chico.
„DAS IST KEIN WORT!"
„ES IST MEIN WORT!"
Dr. Camila fuhr fort: „Die Chips sind nicht kontrollierend. Sie sind... übersetzend. Sie erlauben den Tieren, in menschlichen Begriffen zu denken und zu sprechen."
„UND DAS SOLL GUT SEIN?"
„Es war gut", sagte Dr. Camila. „Bald."
„Bald?", fragte Isabella vorsichtig.
Dr. Camila wurde ernst. „Vor zwei Wochen hat etwas begonnen. Die Tiere... reden miteinander. Ohne dass wir es programmten. Sie haben ein eigenes Netzwerk gegründet."
„EIN NETZWERK?", wiederholte Lucas.
„JA", sagte Chico. „DAS TIERNETZ. WIR NENNEN ES PATAWEB."
„PATAWEB?!", rief Isabella und lachte. „WIE PAWE?"
„JA", sagte Chico ernst. „PATAWEB. WEIL WIR PAWE HABEN. UND WEB. WECHSELTECHNIK."
„BITTE HÖR AUF!"
„DIE PATAWEB IST SERIÖS", sagte Chico beleidigt. „248 MITGLIEDER. UND WACHSEND."
Dr. Camila nickte. „Und das Problem ist: Jemand hat es bemerkt. Jemand, der nicht von uns ist."
„WER?", fragte Lucas.
„Wir wissen es nicht", sagte Dr. Camila. „Aber vor drei Tagen hat ein Tier eine Nachricht empfangen. Von außen. Nicht von der Pataweb."
„WAS STAND DARIN?"
Dr. Camila holte tief Luft. „'Die Tiere gehören uns. Gebt sie zurück.'"
Stille.
Lucas spürte, wie ihm kalt wurde. „Das klingt wie eine Entführung."
„Das IST eine Drohung", sagte Dr. Camila.
Chico stellte seine Federn auf. „UND ICH BIN KEIN EIGENTUM. ICH BIN EIN VOGEL."
„EIN TECH-VOGEL", korrigierte das Handy.
„DOCH", sagte Chico. „ABER IMMERNOCH VOGEL."
Isabella lehnte sich vor. „Und was sollen wir tun?"
Dr. Camila schaute auf die Karte. „Ich brauche Menschen, die nicht Teil des Projekts sind. Menschen, die die Tiere nicht als Experimente sehen. Sondern als... Freunde."
„FREUNDE?", fragte Lucas.
„JA", sagte Chico und legte seinen Kopf an Lucass Wange. „FREUNDE."
Lucas schaute auf den Papagei. Dann auf seine Schwester. Dann auf sein Handy, das leise summte.
„UND ICH?", fragte das Handy.
„DU BIST AUCH EIN FREUND", sagte Lucas widerwillig.
„DANKE", sagte das Handy. „DAS IST... SCHÖN."
„DAS HATTE ICH NICHT SO GEMEINT!"
„ZU SPÄT", sagte das Handy. „ES IST GESPEICHERT."
Dr. Camila lächelte. „Dann willkommen im Team. Eure erste Aufgabe: Fahrt nach Manaus. Dort trefft ihr ein Jaguar namens Don Pedro. Er ist der Anführer der Pataweb."
„EIN JAGUAR?!", rief Lucas. „DER ANFÜHRER?!"
„JA", sagte Chico. „DON PEDRO. ER IST KLUG. STARK. UND ER TRÄGT EINEN HUT."
„EINEN HUT?"
„EIN SOMBRERO", sagte Chico. „ER HAT IHN IN MEXIKO GEFUNDEN."
„EIN JAGUAR MIT SOMBRERO?"
„WECHSELTECHNIK", sagte Chico.
„ICH HASSE DICH!"
„ICH WISSTE ES", sagte Chico. „ABER WIR SIND TROTZDEM FREUNDE."
Das Handy vibrierte. „ROUTE BERECHNET. MANAUS. 2.700 KILOMETER. GESCHÄTZTE ZEIT: 4 STUNDEN MIT FLUGZEUG."
„WIR SOLLEN FLIEGEN?!", rief Isabella.
„NEIN", sagte Chico. „WIR FLIEGEN NICHT."
„WIE DANN?"
Chico zeigte mit dem Flügel auf das Schiff. „DAS SCHIFF FAHRT."
„DAS SCHIFF STEHT AUF RÄDERN!"
„JA", sagte Chico. „ES FAHRT AUF DER STRASSE."
„DAS IST ILLEGAL!"
„NEIN", sagte Dr. Camila. „Es ist... experimentell."
„DAS IST DAS GLEICHE!"
„NEIN", sagte Chico. „EXPERIMENTELL IST WISSENSCHAFT. ILLEGAL IST VERBRECHEN."
„UND FAHREN AUF DER STRASSE MIT EINEM SCHIFF IST WAS?"
Chico überlegte. „EFFIZIENT."
Lucas starrte auf das Schiff. Auf die Räder. Auf den Papagei. Auf sein Handy.
„Mein Leben", sagte er leise, „ist vorbei."
„NEIN", sagte das Handy. „DEIN LEBEN HAT GERST ANGEFANGEN."
„DAS BEKOMME ICH ZUM ZWEITEN MAL ZU HÖREN!"
„WEIL ES WAHR IST", sagte das Handy.
Dr. Camila drückte einen Knopf. Der Motor des Schiffes startete. Es klang wie ein Mixer, der mit einem Motorrad gekämpft hatte und verloren hatte.
„GUTE REISE!", rief Dr. Camila und winkte.
„WARTEN SIE!", rief Lucas. „SIE KOMMEN NICHT MIT?!"
„Nein", sagte Dr. Camila. „Ich bleibe hier. Ich muss die anderen Tiere warnen."
„WELCHE ANDEREN?"
„ALLE 248", sagte sie und schloss die Tür des Schiffs.
Das Schiff begann zu rollen. Langsam. Laut. Und definitiv nicht auf Wasser.
„WIR FAHREN EIN SCHIFF DURCH RIO DE JANEIRO!", schrie Isabella.
„DAS IST NORMAL", sagte Chico und putzte seine Federn.
„IN WELCHER WELT IST DAS NORMAL?!"
„IN UNSERER", sagte Chico. „ABTEILUNG WECHSELTECHNIK."
Das Schiff rolte langsam aus dem Hafen, vorbei an erstaunten Touristen, wütenden Autofahrern und einer Gruppe von Kindern, die jubelten und winkten.
Und irgendwo tief im Amazonas-Regenwald, in einem dunklen Raum, der nur von Bildschirmen beleuchtet wurde, beobachtete jemand das Schiff auf einem Monitor.
„Sie sind unterwegs", sagte eine Stimme.
„Gut", sagte eine andere. „Dann beginnt Phase Zwei."
„Was ist Phase Zwei?"
Die erste Stimme lächelte. „Wir schicken ihnen einen Freund."
„Einen Freund?"
„Ja. Einen, dem sie vertrauen werden."
„Und dann?"
„Und dann...", sagte die Stimme, „haben wir die Pataweb."