Die geheimnisvollen Tapeten von Amazonia City

Teil 3 – Die Straßen-Symphonie von São Paulo

Das Schiff rumpelte über die BR-116 wie ein Kühlschrank auf Rollschuhen. Jeder Schlagloch ließ das ganze Gefährt vibrieren, und Isabella klammerte sich an ihren Sitz, der eigentlich ein alter Bürostuhl war, den jemand mit Schiffstaue festgebunden hatte.

„WIE KANN EIN SCHIFF SO LAUT SEIN?", rief sie über den Motorlärm hinweg.

„ES IST KEIN SCHIFF", sagte Chico von seinem Platz auf der Reling. „ES IST EIN FAHRZEUG."

„ES HAT DEN NAMEN BRASILIANA! ES IST EIN SCHIFF!"

„NAMEN SIND NUR LABELS", sagte Chico philosophisch. „DAS FAHRZEUG IST EFFIZIENT."

„ES IST LAUT!"

„LAUT IST SUBJEKTIV", sagte Chico. „FÜR MICH IST ES MUSIK."

Lucas saß am Steuer – oder vielmehr an einem Lenkrad, das aussah, als wäre es von einem Bus geklaut und mit Klebeband befestigt worden. Das Navigationssystem war sein Handy, das die Karte auf dem Armaturenbrett projizierte.

„LINKS ABBIEGEN", sagte das Handy. „IN 500 METERN."

„WIR SIND AUF EINER AUTOBAHN!", rief Lucas. „ICH KANN NICHT LINKS ABBIEGEN!"

„DANN FAHRE GERADEAUS", sagte das Handy. „ICH BIN FLEXIBEL."

„DU BIST NICHT FLEXIBEL! DU BIST NERVIG!"

„DAS IST DAS GLEICHE", sagte das Handy. „ABER EFFIZIENT."

Nach sechs Stunden Fahrerreicht hatten sie die Ausläufer von São Paulo. Die Stadt vor ihnen war ein Meer aus Beton, Glas und Lichtern. Hochhäuser so weit das Auge reichte, und dazwischen: Verkehr. Sehr viel Verkehr.

„WIR KÖNNEN NICHT WEITERFAHREN", sagte Lucas und hielt an. „DIE STRASSEN SIND VOLL."

„NATÜRLICH SIND SIE VOLL", sagte Chico. „ES IST SÃO PAULO. ES IST IMMER VOLL."

„UND WAS JETZT?"

Chico spreizte seine Flügel. „ICH FLIEGE. ICH SCHAUE MIR DIE LAGE AN."

„UND WIR?"

„IHR WARTET", sagte Chico und hob ab. „EFFIZIENT."

„ICH HASSE DIESES WORT!"

Chico stieg über die Dächer von São Paulo. Die Stadt war gigantisch – 22 Millionen Menschen, alle gleichzeitig unterwegs, als hätte jemand einen Befehl gegeben: „Alle raus! Jetzt!"

Aus der Luft sah Chico das Problem: Ein Stau zog sich über 14 Kilometer. Aber er sah noch etwas anderes. Auf einem der Dächer, direkt über dem Stau, stand ein Tier. Es war kein Vogel. Es war ein... Affe.

Ein Kapuzineraffe mit einer kleinen Brille und einer Tasche um den Bauch. Er winkte Chico zu.

„HALLO COLLEGA!", rief der Affe. „ICH WARTETE AUF DICH!"

„WER BIST DU?", fragte Chico und landete neben ihm.

„ICH BIN Tito", sagte der Affe. „TECH-TIER NUMMER 47. SPEZIALISIERT AUF STADTNAVIGATION."

„DU KENNST DICH IN SÃO PAULO AUS?"

„ICH KENNE JEDE STRASSE", sagte Tito stolz. „JEDE GASSE. JEDES LOCH."

„DAS IST VIEL GEWUSST", sagte Chico beeindruckt.

„GEWUSST IST MEINE SPEZIALISIERUNG", sagte Tito. „WECHSELTECHNIK."

„AUCH DU?!", rief Chico. „DAS WORT IST ÜBERALL!"

„ES IST UNIVERSAL", sagte Tito. „WIE EFFIZIENZ."

„BITTE NICHT!"

„DOCH", sagte Tito. „EFFIZIENZ IST LEBEN."

In diesem Moment summte Titos Bauchtasche. Er zog ein kleines Tablet heraus – nicht größer als eine Handfläche – und zeigte darauf eine Karte.

„SIEHST DU DAS?", fragte Tito. „EIN PROBLEM."

„WAS FÜR EIN PROBLEM?"

„DA DRÜBEN", sagte Tito und zeigte auf einen großen Tower in der Innenstadt. „DER Torre de Luz. DER GRÖSSTE TURM DER STADT. UND ER... SUMMT."

„SUMMT?"

„JA", sagte Tito ernst. „SEIT DREI TAGEN. EIN TON, DEN KEIN MENSCH HÖREN KANN. ABER WIR TIERE KÖNNEN ES."

„WAS SAGT DER TON?"

„ICH WEISS ES NICHT", sagte Tito. „ABER ER IST... FALSCH."

Chico stellte seine Federn auf. „FALSCH WIE?"

„FALSCH WIE EIN FEIND", sagte Tito leise. „ALS OB JEMAND MIT UNS SPRICHT, DER NICHT UNSER FREUND IST."

Stille. Der Wind wehte über die Dächer von São Paulo. Unten hupten Autos. Oben standen zwei Tech-Tiere und wussten, dass etwas nicht stimmte.

„WIR MÜSSEN ZU DEN ANDEREN", sagte Chico. „WO IST DON PEDRO?"

„IN MANAUS", sagte Tito. „ABER ER HAT EINE NACHRICHT GESCHICKT. DURCH DIE PATAWEB."

„WAS STAND DARIN?"

Tito holte tief Luft. „'Kommt nicht allein. Bringt Menschen. Bringt Mut. Und bringt Snacks. Ich habe Hunger.'"

„SNACKS?", fragte Chico.

„ER IST EIN JAGUAR", sagte Tito. „JAGUARE ESSEN VIEL."

„DOCH NICHT SNACKS!"

„DON PEDRO ISST ALLES", sagte Tito. „SOGAR TEMPEH."

„TEMPEH?!"

„ER IST VEGETARIER", sagte Tito. „SEIT ER TECH HAT."

„EIN VEGETARISCHER JAGUAR?"

„WECHSELTECHNIK", sagte Tito.

Chico schüttelte seinen Kopf. „ICH GLAUBE, DIE WELT IST VERRUCKT GEWORDEN."

„SIE WAR IMMER VERRUCKT", sagte Tito. „JETZT IST SIE NUR... LAUTER."

Währenddessen unten auf der Straße:

„ICH GLAUBE, CHICO IST VERLOREN GEGANGEN", sagte Lucas und schaute zum Himmel.

„ER IST NICHT VERLOREN", sagte das Handy. „ER IST... EFFIZIENT ABWESEND."

„DAS IST DAS GLEICHE!"

„NEIN", sagte das Handy. „VERLOREN IST PASSIV. ABWESEND IST AKTIV."

„ICH WILL ES NICHT WISSEN!"

Isabella hatte inzwischen ihr Tablet aktiviert. „PRINZESSIN? KANNST DU UNS HELFEN?"

„NATÜRLICH", sagte das Tablet mit eleganter Stimme. „WAS BRAUCHST DU, MEIN LIEBLING?"

„BITTE NENN MICH NICHT 'LIEBLING'."

„WAS SOLL ICH DICH NENNEN?"

„ISABELLA!"

„DAS IST SO... ALLTÄGLICH", sagte Prinzessin. „ICH BIN ELEGANT. ICH BRAUCHE ELEGANTE NAMEN."

„DANN NENN MICH KÖNIGIN!"

„DAS IST BESSER", sagte Prinzessin. „KÖNIGIN ISABELLA. WIE KANN ICH HELFEN?"

„FINDE EINE ROUTE DURCH SÃO PAULO, DIE KEINEN STAU HAT."

„DAS IST UNMÖGLICH", sagte Prinzessin. „IN SÃO PAULO IST IMMER STAUB."

„STAU!"

„STAU IST SUBJEKTIV", sagte Prinzessin.

„NEIN, IST ER NICHT!"

„DOCH", sagte Prinzessin. „WAS DU STAUB NENNST, IST FÜR ANDERE 'TEMPORÄRE BEWEGUNGSREDUKTION'."

„DAS IST DAS GLEICHE!"

„NEIN", sagte Prinzessin. „ES IST ELEGANTER."

Lucas seufzte. „WARUM SIND ALLE TECHNOLOGIEN IN MEINEM LEBEN SO VERRUCKT?"

„WEIL DU ATTRAKTIV FÜR VERRUCKTE TECHNOLOGIE BIST", sagte sein Handy.

„DAS IST KEIN KOMPLIMENT!"

„DOCH", sagte das Handy. „ES IST EFFIZIENT."

„ICH HASSE—""

„ICH WEISS", sagte das Handy. „EFFIZIENT."

In diesem Moment landete Chico auf der Reling des Schiffes. Neben ihm sprang Tito herab und landete auf dem Armaturenbrett.

„HALLO!", sagte Tito fröhlich. „ICH BIN TITO! TECH-AFFE! SPEZIALGEBIET: STADTNAVIGATION UND BANANEN!"

„EIN AFFE?!", rief Lucas.

„EIN TECH-AFFE", korrigierte Tito. „UNTERSCHIED IST WICHTIG."

„NICHT FÜR MICH!"

„DANN SOLLTEST DU LERNEN", sagte Tito klug. „UNTERSCHIEDE SIND DAS WICHTIGSTE."

Isabella starrte auf den Affen. „Du bist... süß."

„ICH BIN NICHT SÜSS", sagte Tito empört. „ICH BIN PROFSSIONELL."

„PROFESSIONELL UND SÜSS", sagte Isabella lächelnd.

„DAS IST WIDERSPRÜCHLICH!"

„NEIN", sagte Isabella. „DAS IST MÖGLICH."

„WIE BANANE UND SCHOKOLADE", sagte Chico.

„EXACTLY", sagte Tito. „WECHSELTECHNIK."

Lucas legte den Kopf auf das Lenkrad. „Mein Leben", murmelte er. „Mein armes Leben."

„DEIN LEBEN IST NICHT ARM", sagte das Handy. „DEIN LEBEN IST... REICH. AN ABENTEUERN."

„ICH WILL KEINE ABENTEUER!"

„ZU SPÄT", sagte das Handy. „ABENTEUER HABEN DICH GEFUNDEN."

Tito sprang auf das Dach des Schiffes und rief: „ICH HABE EINE ROUTE! KLEINE GASSEN, UNTERFÜHRUNGEN, UND EIN DURCH EIN PARK! WIR KOMMEN DURCH!"

„DURCH EIN PARK? MIT EINEM SCHIFF?!"

„DIE LEUTE WERDEN SCHOCKIERT SEIN", sagte Tito fröhlich. „ABER EFFIZIENT."

„BITTE NICHT EFFIZIENT!"

„DANN WECHSELTECHNIK!"

„DAS IST NOCH SCHLIMMER!"

Tito führte das Schiff durch die engsten Straßen von São Paulo. Sie fuhren durch Märkte, an denen Obsthändler erschrocken ihre Stände verließen. Sie passierten eine Hochzeit, bei der die Braut in Tränen ausbrach – vor Lachen. Sie durchquerten einen Park, in dem Hunde bellten, Katzen fauchten und ein alter Mann applaudierte.

„DAS IST DIE BESTE SHOW, DIE ICH SEIT JAHREN GESEHEN HABE!", rief der alte Mann.

„DANKE!", rief Tito und winkte. „NÄCHSTES MAL MIT MEHR FEUER!"

„FEUER?!", rief Lucas.

„METAPHORISCH", sagte Tito. „ICH BIN EIN AFFE. KEIN PYROMANE."

„DAS IST BERUHIGEND!"

Als sie São Paulo endlich hinter sich ließen, verstummte der Lärm der Stadt langsam. Die Landschaft wurde grüner, feuchter, dichter. Der Amazonas kam näher.

Chico saß auf der Reling und schaute nach vorne. „WIR KOMMEN", sagte er leise. „MANAUS. UND DON PEDRO."

„UND DANN?", fragte Isabella.

„DANN", sagte Chico, „ERFAHREN WIR, WAS DER TURM IN SÃO PAULO SUMMT."

„UND WENN ES GEFÄHRLICH IST?"

Chico drehte sich um. Seine Augen leuchteten. „DANN SIND WIR DAS GEGENGIFT."

„DAS KLINGT MUTIG", sagte Lucas.

„DAS IST EFFIZIENT", sagte Chico.

„ICH HASSE EUCH ALLE!"

„WIR WISSEN", sagten Chico, Tito, das Handy und Prinzessin gleichzeitig.

Und das Schiff rumpelte weiter. Nach Manaus. Zu einem Jaguar mit Sombrero. Und zu einer Wahrheit, die niemand erwartete.

Weit hinter ihnen, im Torre de Luz in São Paulo, pulsierte ein Licht. Rhythmisches, tiefes Summen. Kein Mensch konnte es hören. Aber 248 Tiere in Südamerika drehten gleichzeitig ihre Köpfe.

Und eine Stimme flüsterte durch die Pataweb:

„Ich komme. Seid bereit."