Die geheimnisvollen Tapeten von Amazonia City

Teil 4 – Der Jaguar mit dem Sombrero

Die Luft wurde feuchter, je näher sie dem Amazonas kamen. Das Schiff – oder das fahrbare Fahrzeug, das sich Schiff nannte – knatterte durch das Dschungelgebiet, während die Bäume dichter wurden und die Vögel lauter schrien.

„WIR SIND FAST DA", rief Tito von oben. „MANAUS LIEGT NUR NOCH FÜNF KILOMETER VOR UNS!"

„UND DON PEDRO?", fragte Lucas und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„ER WARTET AUF UNS", sagte Chico. „AN DER UFERZONE."

„UND WARUM KÖNNEN WIR IHN NICHT SEHEN?"

„WEIL ER SICHTBARKEIT VERMEIDET", sagte Tito. „ER IST EIN JAGUAR. VERSTECKEN IST SEIN NATUR."

„ER HAT EINE TECH-CHIP IM GEHIRN", sagte Isabella. „DAS IST NICHT MEHR NATURGEMÄß."

„WECHSELTECHNIK", sagten alle vier Tiere gleichzeitig.

„ICH HASSE EUCH ALLE!"

„WIR WISSEN", sagten sie wieder.

Als sie endlich das Ufer erreichten, war niemand da. Keine Spur von einem Jaguar. Nur Wasser, Bäume und ein einsamer Stuhl aus Holz, der in einer Lichtung stand.

„DAS IST SELTSAM", sagte Lucas. „ER SAGTE, ER WÜRDE WARTEN."

„ER WARTET NOCH", sagte Chico. „NUR IN EINE ANDERE RICHTUNG."

„WIE SO?"

Chico zeigte mit dem Schnabel auf den Baum direkt hinter dem Stuhl. Dort hing etwas. Ein Hut. Ein echter Sombrero, groß und breit, mit Federn am Rand.

„DER HUT IST SEINER", sagte Tito. „DER MAN TRÄGT IHN NICHT. ER LIEGT IM BAUM."

„WARUM?"

„WEIL DON PEDRO KEINEN GEFALLEN AN MENSCHEN HAT", sagte eine tiefe, rauhe Stimme aus dem Schatten.

Alle drehten sich um. Und dort, zwischen den Bäumen, stand er.

Don Pedro.

Ein Jaguar von beeindruckender Größe, mit goldenem Fell und dunklen Rosetten. Auf seinem Kopf trug er den erwähnten Sombrero, der absurd klein wirkte auf diesem majestätischen Tier. In seiner Pranke hielt er...

„Eine Tüte Chips?", fragte Isabella und rieb sich die Augen.

„YES!", sagte Don Pedro und biss in eine Chip. „KARTOFFELCHIPS MIT SALZ."

„DU ISST CHIPS?!", rief Lucas.

„ECHTE CHIPS", sagte Don Pedro. „NICHT DIE PFLANZENART. DIE KNUSPRIGEN KARTOFFELSCHNITTEL."

„EIN VEGETARISCHER JAGUAR, DER CHIPS ESST?", fragte Tito verwirrt.

„ICH BIN NICHT VEGETARISCH", sagte Don Pedro. „ICH BIN CHIPSARIAN."

„CHIPSARIAN?!", riefen alle gleichzeitig.

„ES IST EINE DIÄT", erklärte Don Pedro. „ALLE TAGES ZWEI PACKUNGEN."

Lucas starrte auf den Jaguar. „SIE HABEN IHN MIT TECH-CHIPS AUSGESTATTET. UND ER REDET ÜBER SCHNAPSEN."

„CHIPSPACKUNGEN", korrigierte Don Pedro streng. „UND ICH REDEN NICHT ÜBER SCHNAPSEN. ICH REDEN ÜBER QUALITÄT."

„QUALITÄT VON CHIPS?", fragte Isabella skeptisch.

„SICHERLICH", sagte Don Pedro. „GUTE CHIPSE HABEN KRISTALLINES SALZ. SCHLECHTE HABEN GRANULAT."

„KRISTALLINES...?"

„NICHT JETZT", sagte Chico. „WIR HABEN DRINGENDERE FRAGEN."

Don Pedro trat näher und setzte sich auf den Holzstuhl. Der Hut fiel fast herunter, aber er fing ihn mit der Pranke auf.

„SAGT MIR", sagte Don Pedro. „IHR HATTE BEKOMMEN EINE NACHRICHT?"

„JA", sagte Lucas. „VON AMAZONIA TECH."

„DR. CAMILA?", fragte Don Pedro.

„WIE WEISST DU DAS?"

„WECHSELTECHNIK", sagten Chico und Tito gleichzeitig.

„Nicht wieder dieses Wort!", murmelte Lucas.

„ICH WEISS, WAS LOBEN IST", sagte Don Pedro ernst. „DIE NACHRICHT VON SÃO PAULO."

„WAS WEISST DU DARÜBER?"

„ICH WEISST, DASS DER TORRE DE LUZ NICHT FÜR UNS SUMMT", sagte Don Pedro leise. „ER SUMMT FÜR ANDERE."

„ANDERE?"

„Jemand, der nicht zur Pataweb gehört", sagte Don Pedro. „Und der die Kontrolle will."

Isabella trat vor. „Wer ist das?"

Don Pedro senkte den Kopf. „Wir wissen es nicht genau. Aber vor drei Tagen haben vier unserer Mitglieder verschwunden."

„Verschwunden?", wiederholte Chico erschrocken.

„JA", sagte Don Pedro. „Ein Toucan aus Bogotá. Ein Faultier aus Costa Rica. Ein Capybara aus Paraguay. Und... ein Opossum aus Chile."

„Wohin sind sie gegangen?"

„Wir wissen es nicht", sagte Don Pedro. „Aber wir haben eine Nachricht gefunden. Bei der letzten Stelle, wo der Toucan war."

„Eine Nachricht?", fragte Lucas neugierig.

„Ja", sagte Don Pedro und zog ein kleines Stück Papier aus seiner Tasche. Es war zerknittert, aber lesbar.

Er legte es auf den Stuhl. Darauf stand mit kühler, maschineller Handschrift:

„Projektelemente gesammelt. Phase Zwei beginnt. Die Tiere werden zu Werkzeugen."

„Werkzeuge?!", rief Lucas wütend.

„Nicht Freunde", sagte Don Pedro. „Werkzeuge."

„Das ist...", begann Isabella, „das ist..."

„Schockierend", sagte das Handy leise.

„SCHRECKLICH!", korrigierte Prinzessin vom Tablet. „WIE EINE SCHLECHTE BELEUCHTUNG."

„NEIN!", sagte Don Pedro. „SCHRECKLICH IST Besser."

„DAS MACHT KEIN SINN!"

„DOCH", sagte Don Pedro. „SCHRECKLICH IST EMOTIONAL. SCHLECHTE BELEUCHTUNG IST PRAKTISCH."

„DAS IST FALSCH!"

„DAS IST MENSCHLICH", sagte Don Pedro. „UND TECH IST BESSER."

Lucas atmete tief durch. „Okay. Okay. Wir müssen etwas tun. Diese Tiere finden."

„JA", sagte Don Pedro. „ABER NICHT ALLEIN."

„WARUM NICHT?"

„WEIL DER FEIND STARK IST", sagte Don Pedro. „UND WIR MÜSSEN EIN TEAM SEIN."

„WIE VIELE SIND DA?"

Don Pedro zeigte auf die Lichtung. Hinter den Bäumen tauchten plötzlich Dutzende von Augenpaaren auf. Ein Faultier. Ein Tapir. Eine Ameisenbär. Ein Kaiman (der aussah, als käme er gerade aus dem Urlaub).

„Das sind...", zählte Lucas langsam, „über zwanzig."

„ZWANZIG TECH-TIERE", sagte Chico. „IN EINEM RAUM."

„WECHSELTECHNIK", sagten sie alle im Chor.

„ICH HASSE EUCH ALLE!"

„WIR WEISSEN", sagten sie wieder.

„Jetzt kommt der wichtigste Teil", sagte Don Pedro. Er stand auf, richtete seinen Hut und blickte auf die Gruppe.

„Ich weiß nicht, wer hinter dem Torre de Luz steht. Aber ich weiß, dass sie uns trennen wollen. Tiere von Menschen. Technology von Natur."

„Dann werden wir das verhindern", sagte Isabella fest.

„Genau", sagte Don Pedro. „Aber dazu brauchen wir Informationen. Woher kommt das Signal?"

„Aus São Paulo", sagte Lucas. „Vom Torre de Luz."

„Dann müssen wir dorthin zurück", sagte Don Pedro. „Zurück nach São Paulo."

„ZURÜCK?!", riefen Lucas und Isabella gleichzeitig.

„JA", sagte Don Pedro. „DORT IST DER URSPRUNG."

„DAS IST IRRE!", rief Lucas. „WIR HABEN JUST WEGGEREIST!"

„WEGGEFAHREN", korrigierte Tito. „UND JETZT GEHT ES ZURÜCK."

„WECHSELTECHNIK!"

„BITTE NICHT WIEDER!"

„DANN MUSST DU LERNEN", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK IST ZUKUNFT."

„UND WAS IST MIT DEN VERSCHWUNDENEN TIERN?"

„Wir finden sie", sagte Don Pedro. „Aber wir brauchen eine Strategie."

„STRATEGIE?", fragte Chico. „ICH LIEBE STRATEGIE!"

„WEIL ES EFFIZIENT IST", sagte Tito.

„WIE EFFIZIENZ!"

„BITTE HÖRT AUF!"

Don Pedro hob eine Pranke. „Hört zu. Ich habe einen Plan. Aber er braucht eure Hilfe."

„WAS MÜSSEN WIR TUN?"

„Ihr müsst zum Torre de Luz zurückfahren. Aber nicht als Opfer. Als Forscher."

„FORSCHER?"

„JA", sagte Don Pedro. „Ihr gebt vor, Hilfe zu bieten. Dann seht ihr, wo das Signal herkommt."

„Und wenn sie merken, dass wir nicht helfen wollen?"

„Dann kämpfen wir", sagte Don Pedro. „Nicht mit Kraft. Mit Wissen."

„Wissen?", fragte Lucas.

„Die Pataweb hat mehr Mitglieder als du denkst", sagte Don Pedro. „Wir sind nicht nur zwanzig. Wir sind..."

Er zählte kurz. „...zweihundertachtundfünfzig."

„258?!", rief Tito. „WIR WAREN 248!"

„DIE NEUN TEN SIND ZUGKOMMEN", sagte Don Pedro. „VOM TOURISM."

„VOM WELT?!"

„VOM TOURISMUS", korrigierte Don Pedro. „MENSCHEN HABEN IHNEN CHIPS GEBEN. OHNE UNSER WISSEN."

„DAS IST GEFAHRLICH!"

„NEIN", sagte Don Pedro. „ES IST GEFÄHRLICH. WENN SIE DIE CHIPS KONTROLLIEREN."

Stille.

„Und wenn sie kontrollieren?", fragte Isabella leise.

„Dann verlieren wir", sagte Don Pedro. „Aber wir verlieren nicht ohne Kampf."

„DANN LASST UNS KÄMPFEN", sagte Lucas entschlossen.

„NEIN", sagte Don Pedro. „LASST UNS VERSTEHEN."

„VERSTEHEN?"

„JA", sagte Don Pedro. „BEVOR MAN KÄMPFT, MUSS MAN VERSTEHEN. DAS IST DIE REGEL."

„WER SAGT DAS?"

„ICH", sagte Don Pedro. „UND ICH BIN DER FÜHRER."

„DU BIST EIN JAGUAR MIT EINEM SOMBRERO UND ESST CHIPS!", rief Lucas.

„UND?", sagte Don Pedro unbeeindruckt.

„DAS MACHT DICH NICHT ZU EINEM FÜHRER!"

„ICH BIN SCHON FÜHRER", sagte Don Pedro. „ICH HABE BEFEHLE VON 258 TIEREN."

„WIE?"

„WEIL ICH VERSTEHEN LASS", sagte Don Pedro. „UND WER VERSTEHEN WILL, MUSS ZUHÖREN."

„ZUHÖREN?", wiederholte Chico leise.

„JA", sagte Don Pedro. „ZUHÖREN IST DIE STÄRKSTE KRAFT."

„WIE ZUHÖREN?", fragte Isabella.

„Man hört nicht, um zu antworten", sagte Don Pedro. „Man hört, um zu verstehen."

Stille.

„Das...", sagte Lucas langsam, „das kennen wir schon."

„WIE?", fragte Don Pedro.

„Unser Handy hat das gesagt", sagte Lucas und zeigte auf sein Telefon. „In Seoul."

„SEOU?!", rief Don Pedro. „DU BIST AUS KOREA?"

„NEIN! ICH BIN AUS BRASILIEN! ABER MEIN HANDY WAR IN KOREA!"

„DAS ERKLÄRT VIELES", sagte Don Pedro. „KORÉA IST TECH-MEISTER."

„BRASILIANEN AUCH!", sagte Tito empört.

„NEIN", sagte Don Pedro. „KORÉA IST MEISTER."

„DAS IST FALSCH!"

„DOCH", sagte Don Pedro. „KORÉA HAT 5G IN ALLEN DORFERN."

„BRASIlien AUCH!"

„NICHT IN ALLEN DORFERN"

„DOCH!"

„NEIN!"

„DAS IST DAS GLEICHE!"

„NEIN", sagte Don Pedro. „ES IST EFFIZIENT."

„ICH HASSE DICH!"

„ICH WEISSE", sagte Don Pedro. „ABER WIR SIND TROTZDEM FREUNDE."

In diesem Moment flüsterte das Handy:

„Ich habe eine Nachricht von der Pataweb erhalten. Alle 258 Mitglieder sind bereit."

„BEREIT FÜR WAS?", fragte Lucas.

„FÜR DIE REISE", sagte das Handy. „ZURÜCK NACH SÃO PAULO."

„UND DANN?", fragte Isabella.

„DANN", sagte Don Pedro, „beginnt die wahre Arbeit."

Er blickte auf die Lichtung. Die Tiere waren alle da. Jedes einziges. Sie warteten.

„Wir sind nicht allein", sagte Don Pedro. „Und das macht uns stark."

„Dann los", sagte Lucas. „Fahren wir zurück."

„DANN LOS", sagte Don Pedro.

Und das Schiff rollte weiter. Zurück nach São Paulo. Zurück zum Torre de Luz. Und zu einer Wahrheit, die niemand erwartet hatte.

Weit über ihnen, in den Wolken, flog eine Drohne. Schwarzes Finish. Keine Logos. Und sie filmte alles.

In einem Labor, weit weg von Manaus, schaute jemand auf den Bildschirm und lächelte.

„Sie gehen zurück", sagte die Stimme. „Perfekt."

„Sollen wir eingreifen?"

„Nein", sagte die Stimme. „Lasst sie kommen. Phase Drei beginnt, wenn sie ankommen."

„Was ist Phase Drei?"

„Die Offenbarung", sagte die Stimme. „Dann sehen sie, wer wirklich kontrolliert."

Der Bildschirm erlosch. Und irgendwo tief im Torre de Luz in São Paulo, begann das Summen lauter zu werden.

Es war nicht mehr nur ein Signal. Es war eine Einladung.