Die Rückfahrt nach São Paulo war schlimmer als die Hinreise. Nicht wegen der Staus. Nicht wegen des Motors, der sich anhörte wie ein asthmatischer Esel. Sondern weil Don Pedro beschlossen hatte, auf dem Dach des Schiffes zu reiten – und dabei ständig Ratschläge gab.
„LINKS!", rief Don Pedro von oben. „DA IST EINE BAUSTELLE!"
„ICH SEHE SIE!", brüllte Lucas am Lenkrad.
„NEIN", sagte Don Pedro. „DU SIEHST SIE NICHT. DU FAHRST HINEIN!"
„ICH FAHRE NICHT HINEIN!"
„DU FAHRST HINEIN!"
Lucas riss das Lenkrad nach rechts. Das Schiff schwang zur Seite und verfehlte die Baustelle um Zentimeter. Ein Bauarbeiter sprang erschrocken in einen Graben.
„SIEHE?", sagte Don Pedro. „DU HAST SIE NICHT GESEHEN."
„ICH HABE SIE GESEHEN! ICH BIN NUR SPÄT GELENKT!"
„DAS IST DAS GLEICHE", sagte Don Pedro.
„NEIN!"
„DOCH", sagte Don Pedro. „EFFIZIENT."
„ICH HASSE—""
„ICH WEISSE", sagte Don Pedro. „ABER ICH BIN TROTZDEM HIER."
Tito saß auf dem Armaturenbrett und studierte die Karte auf seinem Mini-Tablet. „WIR SIND NOCH DREI STUNDEN VON SÃO PAULO ENTFERNT. WENN WIR KEINE PAUSE MACHEN."
„WIR MACHEN KEINE PAUSE!", rief Lucas.
„DANN KOMMEN WIR FRÜHER AN", sagte Tito. „ABER ICH MUSS—""
Er hielt inne. Alle schauten ihn an.
„DU MUSST WAS?", fragte Isabella.
„ICH MÖCHTE BANANEN KAUFEN", sagte Tito kleinlaut.
„BANANEN?!", rief Lucas. „WIR SIND AUF EINER LEBENSWICHTIGEN MISSION UND DU WILLST BANANEN?!"
„BANANEN SIND LEBENSWICHTIG", sagte Tito ernsthaft. „POTASSIUM. MAGNESIUM. VITAMIN B6."
„DAS IST—""
„WISSENSCHAFT", sagte Tito und Chico gleichzeitig.
„ICH HASSE WISSENSCHAFT!"
„DAS IST SCHADE", sagte Don Pedro vom Dach. „WISSENSCHAFT HAT DICH ERSCHAFFEN."
„WISSENSCHAFT HAT MICH NICHT ERSCHAFFEN!"
„DOCH", sagte Don Pedro. „OHNE WISSENSCHAFT WÄREST DU EIN BABY."
„DAS MACHT KEIN SINN!"
„DOCH", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."
„BIIIITTTTEEEE!"
In diesem Moment piepte Lucass Handy aufgeregt. „ACHTUNG. NACHRICHT AUF DER PATAWEB."
„VON WEM?", fragte Chico.
„VON EINEM MITGLIED, DAS NICHT MEHR AKTIV WAR", sagte das Handy. „EIN CAPYBARA. AUS PARAGUAY."
„DER CAPYBARA, DER VERSCHWUNDEN WAR?!", rief Don Pedro und sprang vom Dach. Das Schiff schwankte. Isabella schrie. Tito fiel vom Armaturenbrett. Chico lachte.
„JA", sagte das Handy. „ER HAT EINE NACHRICHT GESCHICKT. ABER SIE IST... SELTSAM."
„WAS STEHT DRIN?"
Das Handy zeigte die Nachricht auf dem Bildschirm:
„Hilfe. Ich kann nicht weinen. Die Maschine nimmt meine Tränen. Torre de Luz, Ebene 47. Ich bin nicht allein. Die anderen sind hier. Aber sie sind... still. Sehr still. Bitte kommt. Und bringt Bananen."
Stille im Schiff.
„Er kann nicht weinen?", wiederholte Isabella leise.
„DIE MASCHINE NIMMT SEINE TRÄNEN?", sagte Chico erschrocken.
„EBENE 47", sagte Don Pedro und wurde ernst. „DER TURM HAT 46 EBENEN."
„WIE KANN EBENE 47 EXISTIEREN?", fragte Lucas.
„SIE SOLLTE NICHT", sagte Don Pedro. „WENN SIE EXISTIERT... DANN IST SIE VERSTECKT."
„VERSTECKT WIE?"
„UNTER DER ERDE", sagte Don Pedro. „EBENE 47 IST EIN KELLER."
„EIN KELLER IN EINEM TURM?"
„JA", sagte Don Pedro. „EIN GEHEIMER KELLER."
„UND WAS MACHT MAN IN EINEM GEHEIMEN KELLER?"
„MAN NIMMT TIEREN IHRE TRÄNEN", sagte Don Pedro leise.
Alle waren still. Sogar das Handy schwieg. Sogar Prinzessin sagte nichts.
„WARUM TRÄNEN?", fragte Isabella schließlich.
Don Pedro setzte sich auf den Boden. Sein Sombrero rutschte in die Augen. Er schob ihn zurück und sagte langsam:
„Tränen sind Emotion. Emotion ist Energie. Energie ist Daten."
„DAS MACHT KEIN—""
„DOCH", sagte Don Pedro. „ES MACHT SINN. WENN MAN EINEN CHIP HAT, DER EMOTIONEN IN DATEN UMWANDELT... DANN SIND TRÄNEN DER SCHLÜSSEL."
„DER SCHLÜSSEL ZU WAS?"
„Zu uns", sagte Don Pedro. „Zur Pataweb. Zur Kontrolle."
Lucas spürte, wie ihm kalt wurde. „Jemand sammelt die Emotionen der Tech-Tiere, um... sie zu kontrollieren?"
„JA", sagte Don Pedro. „UND DER CAPYBARA IST NICHT DAS EINZIGE OPFER."
„WIE VIELE SIND DORT?"
„WIR WISSEN ES NICHT", sagte Don Pedro. „ABER DIE NACHRICHT SAGT: 'DIE ANDEREN SIND HIER.'"
„DIE VIER VERSCHWUNDENEN?"
„VIelleicht", sagte Don Pedro. „ODER MEHR."
Chico flog auf und landete auf Lucass Schulter. „WIR MÜSSEN IHNEN HELFEN."
„ICH WEISS", sagte Lucas. „ABER WIE?"
„WIR GEHEN HINEIN", sagte Don Pedro.
„IN EINEN TURM, DER EINE VERSTECKTE EBENE 47 HAT, IN DER TIEREN TRÄNEN ABGENOMMEN WERDEN?!"
„JA", sagte Don Pedro. „GENAU DAS."
„DAS IST VERRUCKT!"
„NEIN", sagte Don Pedro. „DAS IST NOTWENDIG."
„DAS IST DAS GLEICHE!"
„NEIN", sagte Don Pedro. „VERRÜCKT IST IRRATIONAL. NOTWENDIG IST LOGISCH."
„ICH KÜMMERE MICH NICHT UM LOGIK!"
„DANN KÜMMERE DICH UM DEN CAPYBARA", sagte Don Pedro leise. „ER KANN NICHT WEINEN. STELL DIR VOR, DU KÖNNTEST NICHT WEINEN."
Lucas schluckte. Er dachte an all die Momente, in denen er geweint hatte – vor Wut, vor Frustration, vor Glück. Stellen sich vor, jemand würde ihm das nehmen.
„Okay", sagte er leise. „Wir gehen hinein."
„GUT", sagte Don Pedro. „ABER WIR BRAUCHEN EINEN PLAN."
„ICH HABE EINEN PLAN", sagte Tito und hob die Hand.
„DU HAST EINE KLEINE HAND", sagte Don Pedro.
„DAS IST BELEIDIGEND!"
„DAS IST FAKT", sagte Don Pedro. „ABER ERZÄHL DEINEN PLAN."
Tito räusperte sich. „ICH KENNE DEN TORRE DE LUZ. ICH KENNE JEDE RÖHRE. JEDEN SCHACHT. JEDE TOILETTE."
„WARUM KENNST DU DIE TOILETTEN?", fragte Isabella.
„WEIL ICH DORT GESCHLAFEN HABE", sagte Tito. „TOILETTEN SIND WARM."
„DAS IST...", begann Lucas.
„EFFIZIENT", sagte Chico.
„BITTE NICHT!"
Tito zeigte auf sein Tablet. „ES GIBT EINEN WARTUNGSSCHACHT. ER FÜHRT VON DER TIEFGARAGE IN DEN KERN DES TURMS. VON DORT KANN ICH JEDEN RAUM ERREICHEN."
„AUCH EBENE 47?"
„WENN SIE EXISTIERT", sagte Tito, „DANN FINDE ICH SIE."
„GUT", sagte Don Pedro. „DANN IST DER PLAN EINFACH. TITO FÜHRT UNS HINEIN. WIR FINDEN DIE TIERE. WIR BEFREIEN SIE."
„UND DAS SIGNAL?"
„DAS SIGNAL WIRD AUS EBENE 47 KOMMEN", sagte Don Pedro. „WENN WIR DIE TIERE BEFREIEN, STOPPT DAS SIGNAL."
„UND WENN NICHT?"
„DANN", sagte Don Pedro langsam, „HABEN WIR EIN GRÖSSERES PROBLEM."
„WIE GROSS?"
„SO GROSS", sagte Don Pedro, „DASS CHIPS NICHT MEHR HELFEN."
Das Handy vibrierte. „ICH HABE DIE STRUKTUR DES TORRE DE LUZ ANALYSIERT."
„UND?"
„DER TURM HAT 46 EBENEN ÜBER DER ERDE. UND..."
„UND?"
„EINE EBENE UNTER DER ERDE. EBENE 47."
„WIE WISSEN SIE DAS?"
„ICH HABE DIE BAUPLÄNE GEFUNDEN", sagte das Handy. „SIE WAREN NICHT VERSTECKT."
„NICHT VERSTECKT?"
„NEIN", sagte das Handy. „SIE WAREN IN EINEM ORDNER NAMENS 'NICHT GEHEIM'."
„DAS IST GEHEIM!"
„NEIN", sagte das Handy. „DER ORDNER SAGT 'NICHT GEHEIM'."
„DAS IST DAS GLEICHE!"
„NEIN", sagte das Handy. „ES IST EFFIZIENT."
„ICH HASSE ALLES!"
Isabella, die bisher geschwiegen hatte, trat vor. „Ich habe eine Frage."
„WELCHE?", fragte Don Pedro.
„Warum nimmt jemand Tieren ihre Tränen? Was kann man mit tierischen Emotionen anfangen?"
Don Pedro sah sie lange an. Dann sagte er:
„Alles."
„Alles?"
„Emotionen sind die mächtigste Energie der Welt", sagte Don Pedro. „Stärker als Strom. Stärker als Daten. Stärker als Waffen. Wenn man Emotionen kontrollieren kann... kann man alles kontrollieren."
„DAS IST...", begann Lucas.
„ANGSTMACHEND", sagte Prinzessin leise. „WIE EINE SCHLECHTE BELEUCHTUNG BEI EINEM ERSTEN DATE."
„DAS IST NICHT DAS GLEICHE!"
„DOCH", sagte Prinzessin. „BEIDES MACHT ANGST."
„DAS IST—""
„STIMMT", sagte Don Pedro. „PRINZESSIN HAT RECHT. ANGST IST ANGST. EGAL WOHER SIE KOMMT."
Chico stellte seine Federn auf. „DANN DÜRFEN WIR KEINE ANGST HABEN."
„DOCH", sagte Don Pedro. „ANGST IST GUT. ANGST ZEIGT, DASS UNS ETWAS WICHTIG IST."
„DANN IST ANGST GUT?"
„ANGST IST WIE EIN ALARM", sagte Don Pedro. „SIE SAGT: ACHTUNG! ABER SIE DARF NICHT BESTIMMEN, WAS DU TUST."
„WER HAT DAS GESAGT?"
„ICH", sagte Don Pedro. „UND ICH TRAGE EINEN SOMBRERO."
„DAS MACHT DICH NICHT ZU EINEM PHILOSOPHEN!"
„NEIN", sagte Don Pedro. „DER SOMBRERO MACHT MICH ZU EINEM JAGUAR MIT STYLE."
„ICH HASSE—""
„ICH WEISSE", sagte Don Pedro. „ABER WIR HABEN KEINE ZEIT ZU HASEN."
Er drehte sich zum Fenster. Die Lichter von São Paulo erschienen am Horizont.
„Wir sind da", sagte Don Pedro leise. „Bereit?"
„NEIN", sagte Lucas.
„GUT", sagte Don Pedro. „NIEMAND IST JE BEREIT. ABER WIR TUN ES TROTZDEM."
Das Schiff knatterte in die Nacht hinein. Hinter ihnen lag der Amazonas. Vor ihnen lag der Torre de Luz. Und tief unter der Erde wartete ein Capybara, der nicht weinen konnte.
Und in dem Moment, als São Paulos Lichter das Schiff erhellten, summte das Signal wieder. Diesmal nicht leise. Diesmal nicht versteckt.
Diesmal war es ein Schrei.
Und 258 Tiere in ganz Südamerika hörten ihn.