Sonne brach durch die Fenster des Torre de Luz wie ein Gast, der nicht eingeladen war, aber trotzdem blieb. Lucas lag auf dem Boden der Ebene 47, neben einem schlafenden Capybara und einem Jaguar, der seinen Sombrero als Kissen benutzte.
„WAS...", murmelte Lucas und rieb sich die Augen. „WO BIN ICH?"
„IN EBENE 47", sagte sein Handy hilfsbereit. „DU HAST HIER GESCHLAFEN. AUF DEM BODEN. SEHR UNKOMFORTABEL."
„DANKE FÜR DIE INFO!"
„EFFIZIENT", sagte das Handy.
„BITTE NICHT!"
Lucas setzte sich auf und schaute sich um. Der Raum sah anders aus als in der Nacht. Ohne das Summen der Maschinen war er... leer. Die Rohre hingen von der Decke wie ausgeschaltete Lampen. Die Bildschirme waren dunkel. Und die Tiere...
Der Capybara saß in einer Ecke und aß eine Banane, die Tito ihm gebracht hatte. Der Toucan saß auf einer Stange und putzte seine Federn. Das Faultier schlief – aber das war normal. Und das Opossum...
„WO IST DAS OPOSSUM?", fragte Lucas alarmiert.
„HIER", sagte eine leise Stimme von der Decke. Das Opossum hing kopfüber an einem Rohr. „ICH WAR SCHON IMMER HIER."
„WARUM HÄNGST DU AN DER DECKE?"
„WEIL ICH EIN OPOSSUM BIN", sagte das Opossum. „DAS IST, WAS WIR TUN."
„DAS IST..."
„EFFIZIENT?", fragte das Opossum hoffnungsvoll.
„NEIN! DAS IST VERRUCKT!"
„DAS IST DAS GLEICHE", sagte das Opossum und lächelte.
Don Pedro wachte auf und richtete seinen Sombrero. „GUTER MORGEN", sagte er. „HAST DU GUT GESCHLAFEN?"
„AUF DEM BODEN IN EINEM GEHEIMEN LABOR? NEIN!"
„ICH AUCH NICHT", sagte Don Pedro. „DER BODEN IST ZU HART."
„DU BIST EIN JAGUAR! DU SCHLÄST IM Dschungel AUF ERDE!"
„DAS IST VERSCHIEDENE", sagte Don Pedro. „DUNGELE ERDE IST WEICH. BETON IST HART."
„DAS IST—""
„WECHSELTECHNIK", sagte Don Pedro.
„ICH HASSE DICH!"
„ICH WEISSE."
Isabella kam die Treppe herunter, gefolgt von Chico und Tito. Sie trug drei Tassen Kaffee und eine Banane.
„GUTER MORGEN", sagte sie. „ICH HABE KAFFEE GEFUNDEN. IN EINEM RAUM DREI ETAGEN HÖHER."
„DREI ETAGEN HÖHER?", fragte Lucas. „DU WARST DREI ETAGEN HÖHER?"
„JA", sagte Isabella. „UND ICH HABE ETWAS GEFUNDEN."
„WAS?"
Isabella hielt eine Mappe in die Höhe. Sie war schwarz, ohne Beschriftung, aber dick – voller Papier.
„DAS HABE ICH IN EINEM BÜRO GEFUNDEN", sagte sie. „ES HÖRT NICHT BEI EBENE 47 AUF."
„WAS MEINST DU?"
„DER TURM HAT NOCH MEHR GEHEIME EBENEN", sagte Isabella. „UND ES GIBT... PLÄNE."
Don Pedro nahm die Mappe und öffnete sie. Sein Gesicht wurde länger – was bei einem Jaguar beeindruckend war.
„WAS IST ES?", fragte Lucas.
„ES SIND BAUPLÄNE", sagte Don Pedro langsam. „FÜR... NOCH MEHR TÜRME."
„NOCH MEHR?"
„JA", sagte Don Pedro. „FÜNF. IN FÜNF STÄDTEN. SÃO PAULO. BUENOS AIRES. LIMA. BOGOTÁ. UND..."
„UND?"
„MEXICO CITY", sagte Don Pedro.
Stille.
„FÜNF TÜRME?", flüsterte Isabella.
„JA", sagte Don Pedro. „DER TORRE DE LUZ WAR NUR DER ANFANG."
„DER MANN HAT GESAGT, ER GIBT AUF!", rief Lucas. „ER HAT ALLES ZERSTÖRT!"
„ER HAT EBENE 47 ZERSTÖRT", korrigierte Don Pedro. „NICHT DIE PLÄNE."
„WO IST DER MANN ÜBERHAUPT?"
Alle schauten sich um. Der Mann im weißen Anzug war verschwunden.
„ER IST WEG?", rief Lucas. „WIE KANN ER WEG SEIN?"
„ICH HABE IHN NICHT GESEHEN", sagte Dr. Camila, die gerade die Treppe herunterkam. „ICH HABE DIE GANZE NACHT DIE TIERE BETREUT."
„ER IST EINFACH VERSCHWUNDEN?"
„ES SCHEINT SO", sagte Dr. Camila. „ABER..."
„ABER WAS?"
Dr. Camila hielt ein kleines Stück Papier hoch. „ER HAT ETWAS HINTERLASSEN."
Lucas nahm das Papier. Darauf stand in sauberer Handschrift:
„Ich gehe nicht weg. Ich gehe vorwärts. Seht die Pläne. Versteht sie. Und dann entscheidet: Wollt ihr mir folgen oder mich aufhalten? – R."
„R?", fragte Lucas. „WER IST R?"
„ICH WEISS ES NICHT", sagte Dr. Camila. „ABER ES IST SEIN NAME. ODER SEIN INITIAL."
„UND ER WILL, DASS WIR IHN AUFHALTEN?"
„ER WILL, DASS WIR ENTSCHEIDEN", sagte Don Pedro.
„DANN ENTSCHEIDE ICH: WIR HALTEN IHN AUF!"
„NICHT SO SCHNELL", sagte Don Pedro. „ER HAT FÜNF TÜRME GEBAUT. ODER PLANT SIE. WIR KÖNNEN NICHT ÜBERALL SEIN."
„DANN BRAUCHEN WIR HILFE!"
„JA", sagte Don Pedro. „VON DER PATAWEB."
Das Handy vibrierte. „ICH HABE DIE PATAWEB KONTAKTIERT. 258 MITGLIEDER. ALLE BEREIT."
„ALLE?", fragte Lucas.
„ALLE", sagte das Handy. „EINSCHLIESSLICH DER VIER GERETTETEN."
Der Capybara blickte auf von seiner Banane. „ICH BIN BEREIT", sagte er. „ABER ICH WILL ERST FERTIG ESSEN."
„DAS IST—" Lucas hielt inne. „WECHSELTECHNIK?"
„NEIN", sagte der Capybara. „DAS IST HUNGER."
„ENDLICH EINER, DER NORMAL REDET!"
„ICH BIN NORMAL", sagte der Capybara beleidigt. „ICH BIN NUR EIN CAPYBARA."
„OHNE TECH?"
„MIT TECH", sagte der Capybara. „ABER TECH MACHT MICH NICHT VERRUCKT."
„DAS IST EIN WUNDER!", rief Lucas.
„NEIN", sagte der Capybara. „DAS IST EFFE—"" Er hielt inne. „DAS IST PERSÖNLICHKEIT."
„DAS IST DAS SCHÖNSTE WORT, DAS ICH HEUTE GEHÖRT HABE!"
Dr. Camila breitete die Pläne auf dem Boden aus. Fünf Türme. Fünf Städte. Und jedes Gebäude hatte eine Ebene 47.
„JEDER TURM HAT EINE EBENE 47?", fragte Isabella.
„JA", sagte Dr. Camila. „UND JEDER SAMMELT ETWAS VERSCHIEDENES."
„WAS?"
Dr. Camila las die Beschriftungen auf den Plänen:
„SÃO PAULO: TRÄNEN. BUENOS AIRES: LACHEN. LIMA: SCHREIEN. BOGOTÁ: TRÄUME. MEXICO CITY: STILLE."
„TRÄNEN, LACHEN, SCHREIEN, TRÄUME UND STILLE?", wiederholte Lucas.
„JA", sagte Dr. Camila. „FÜNF EMOTIONEN. FÜNF TÜRME. EIN SYSTEM."
„WAS PASSIERT, WENN ALLE FÜNF VOLLSTÄNDIG SIND?"
Dr. Camila zögerte. Dann sagte sie: „DANN HAT ER ALLE EMOTIONEN. VON ALLEN TIEREN. IN GANZ SÜDAMERIKA."
„UND DANN?"
„UND DANN", sagte Don Pedro leise, „KANN ER ALLES."
Stille.
Der Capybara legte seine Banane hin. „DAS IST SCHLIMM."
„JA", sagte Don Pedro. „DAS IST SCHLIMM."
„KEIN 'EFFIZIENT'?", fragte Lucas überrascht.
„NEIN", sagte Don Pedro. „MANCHE DINGE SIND NICHT EFFIZIENT. MANCHE DINGE SIND NUR SCHLIMM."
„DAS..." Lucas schluckte. „DAS IST DAS ERSTE MAL, DASS DU ETWAS ERNST MEINST."
„ICH MEINE IMMER ERNST", sagte Don Pedro. „ICH TRAGE NUR EINEN SOMBRERO."
Chico flog auf und kreiste über der Gruppe. „WIR MÜSSEN UNS AUFTEILEN."
„AUFTEILEN?", fragte Isabella. „WIR SIND NUR—"" Sie zählte. „SECHS. PLUS TIERE."
„JA", sagte Chico. „EINE GRUPPE PRO STADT."
„DAS IST ZU GEFÄHRLICH!"
„NICHT ZU GEFÄHRLICH", sagte Don Pedro. „ABER ZU WICHTIG."
„WAS MEINST DU?"
„WIR HABEN NICHT UNENDLICH ZEIT", sagte Don Pedro. „R BAUT. UND WÄHREND ER BAUT, SAMMELT ER."
„WIE VIEL ZEIT HABEN WIR?"
Das Handy berechnete. „NACH DEN PLÄNEN ZU URTEILEN: 14 TAGE BIS ALLE FÜNF TÜRME OPERATIV SIND."
„VIERZEHN TAGE?!", rief Lucas.
„JA", sagte das Handy. „UNTER VORAUSSETZUNG, DASS R NICHT SCHNELLER BAUT."
„UND WENN ER SCHNELLER BAUT?"
„DANN WENIGER", sagte das Handy. „EFFIZIENT."
„BITTE NICHT!"
Dr. Camila übernahm. „Okay. Hier ist der Plan."
Sie zeichnete auf die Rückseite der Pläne eine Karte von Südamerika.
„SÃO PAULO: Lucas, Chico und Tito bleiben hier. Der Turm ist bereits teilweise zerstört, aber die Pläne zeigen, dass er repariert wird."
„REPARIERT WIRD?", rief Lucas. „WER REPARIERT DEN?"
„R", sagte Dr. Camila. „ER HAT LEUTE."
„BUENOS AIRES: Isabella und Prinzessin. Ihr reist morgen. Der Turm dort sammelt Lachen."
„LACHEN?", sagte Isabella. „WER SAMMELT LACHEN?"
„JEMAND, DER DENKT, DASS LACHEN EINE WAFFE IST", sagte Don Pedro.
„DAS IST—""
„WAHR", sagte Don Pedro. „LACHEN KANN WAFFEN BRECHEN."
„LIMA: Don Pedro und der Capybara. Der Turm sammelt Schreien."
„SCHREIEN?", sagte der Capybara. „ICH SCHREIE NIE."
„DAS IST WARUM DU DER RICHTIGE BIST", sagte Dr. Camila. „WER NICHT SCHREIT, KANN ANDEREN ZEIGEN, DASS ES ANDERS GEHT."
„DAS IST..." Der Capybara dachte nach. „DAS IST KLUG."
„BOGOTÁ: Der Toucan und das Faultier. Der Turm sammelt Träume."
„TRÄUME?", fragte der Toucan. „ICH TRÄUME VON FLIEGEN."
„DU KANNST FLIEGEN", sagte Tito.
„ABER NICHT IM TRAUM", sagte der Toucan traurig. „IM TRAUM BIN ICH SCHWER."
„DAS IST POETISCH", sagte Don Pedro.
„UND MEXICO CITY?", fragte Lucas.
Dr. Camila wurde still. „Mexico City ist... speziell."
„WARUM?"
„DER TURM SAMMELT STILLE", sagte Dr. Camila. „UND STILLE IST... DAS GEGENTEIL VON ALLEM."
„WAS MEINST DU?"
„STILLE IST NICHT NUR LEISE", sagte Dr. Camila. „STILLE IST ABWESENHEIT. KEIN LACHEN. KEINE TRÄNEN. KEIN SCHREIEN. KEINE TRÄUME. NICHTS."
„UND WER GEHT DORTHIN?"
„ICH", sagte Dr. Camila. „UND DAS OPOSSUM."
„WARUM DAS OPOSSUM?", fragte Lucas.
„WEIL ICH STILLE KENNT", sagte das Opossum von der Decke. „ICH HABE MONATE IN EBENE 47 VERBRACHT. ICH WEISS, WIE STILLE FÜHLEN KANN."
„UND DAS IST GUT?"
„NEIN", sagte das Opossum. „ABER ES IST NOTWENDIG."
Lucas schaute auf die Karte. Fünf Städte. Fünf Gruppen. Fünf Missionen. Vierzehn Tage.
„DAS IST VERRUCKT", sagte er leise.
„JA", sagte Don Pedro. „ABER WIR SIND AUCH VERRUCKT."
„SPRICH FÜR DICH!"
„ICH SPRECHE FÜR ALLE", sagte Don Pedro und breitete die Pranken aus. „WIR SIND EIN TEAM. ABER WIR SIND AUCH VERRUCKT."
„EFFIZIENT VERRUCKT?", fragte Tito.
„NEIN", sagte Don Pedro. „NUR VERRUCKT."
„ENDLICH!", rief Lucas. „ENDLICH SAGT JEMAND ETWAS, DAS KEIN 'EFFIZIENT' ENTHÄLT!"
„GENIESSE ES", sagte Don Pedro. „ES WIRD NICHT LANGE DAUERN."
Das Handy vibrierte. „ICH HABE FLÜGE GEBUCHANT."
„OHNE MEINE ERLAUBNIS?!"
„JA", sagte das Handy. „EFFIZIENT."
„UND ICH HATTE GERST EINEN MOMENT DES GLÜCKS!"
„GLÜCK IST VORÜBERGEHEND", sagte das Handy. "FLÜGE SIND PERMANENT."
„DAS MACHT KEIN—""
„DOCH", sagte das Handy. „WECHSELTECHNIK."
„ICH HASSE ALLES!"
„WIR WISSEN", sagten alle gleichzeitig – inklusive des Capybaras, des Toucans, des Faultiers (das eigentlich schlief) und des Opossums (das von der Decke fiel).
Dr. Camila lächelte. „Dann ist es beschlossen. Fünf Teams. Fünf Städte. Vierzehn Tage."
„UND WENN WIR SCHEITERN?", fragte Isabella leise.
„DANN SCHEITERN WIR ZUSAMMEN", sagte Don Pedro. „UND DAS IST BESSER, ALSALLEIN ZU GEWINNEN."
„DAS IST—" Lucas lächelte. „DAS IST SCHÖN."
„NEIN", sagte Don Pedro. „DAS IST NOTWENDIG."
„DAS IST DAS GLEICHE!"
„NEIN", sagte Don Pedro. „SCHÖN IST OPTIONAL. NOTWENDIG IST UNVERMEIDLICH."
„ICH HASSE PHILOSOPHIE!"
„ICH WEISSE", sagte Don Pedro. „ABER PHILOSOPHIE WEISS DICH."
„DAS MACHT KEIN SINN!"
„DOCH", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."
Und irgendwo – weit weg von São Paulo, weit weg von überall – saß ein Mann in einem weißen Anzug vor einem Bildschirm und schaute auf fünf leuchtende Punkte auf einer Karte.
„Sie haben die Pläne gefunden", sagte er. „Gut."
„IST DAS GUT?", fragte eine Stimme aus dem Lautsprecher.
„JA", sagte der Mann. „WEIL JETZT DAS SPIEL WIRKLICH BEGINNT."
„UND WENN SIE GEWINNEN?"
Der Mann lächelte. „Dann haben sie gewonnen, was ich ihnen geben wollte."
„UND WAS IST DAS?"
„VERANTWORTUNG", sagte der Mann. „UND DAS IST DIE GRÖSSTE LAST DER WELT."
Der Bildschirm wurde dunkel. Und in fünf Städten begannen fünf Türme zu summen.
Leise. Fast unhörbar. Aber da.