Zwei Tage nach der Befreiung aus Ebene 47 standen Lucas und Isabella am Flughafen von São Paulo. Während er einen schweren Rucksack trug, hielt Isabella eine kleine Pappschachtel – darin das Tablet, das sich Prinzessin nannte.
„WIR MÜSSEN NACH BUENOS AIRES", sagte Isabella. „DAS FLUGZEUG GEHT UM 16 UHR."
„UND WER BLEIBT HIER?", fragte Lucas und schaute zu Chico und Tito, die auf der Gepäckablage saßen.
„ICH BLEIBE", sagte Chico. „DIESES STADT IST MEIN."
„UND TITO?"
„ICH KOMME MIT DIR", sagte Tito zu Lucas. „ICH KENNE DIE WEGE HIER."
„DANN BLEIBT IHR ZUSAMMEN?", sagte Isabella.
„JA", sagte Don Pedro, der aus dem Schatten trat. „CHICO UND TITO SIND UNSERE AUGEN HIER. WENN R ZURÜCKKOMMT, MUSS MAN ES WISSEN."
„UNSERE AUGEN?!", rief Chico. „ICH BIN KEIN AUGEN! ICH BIN EIN VOGEL!"
„DU BIST TECH-VOGEL", sagte Don Pedro. „DAS MACHT DICH ZU EINEM AUGEN."
„DAS IST—""
„EFFIZIENT?", fragte Don Pedro.
„NEIN!", sagte Chico und Tito gleichzeitig.
„ENDLICH EINE EINVERSTÄNDNIS!"
Isabella lächelte. „Wir sollten los."
Sie durchquerten den Flughafen. Prinzessin summte leise auf ihrem Tablet. „ICH HABE EINE ROUTE GEFUNDEN. DIREKTFLUG. DREI STUNDEN."
„DREI STUNDEN?", fragte Lucas. „DAS IST SCHNELL."
„EFFIZIENT", sagte das Handy.
„BITTE NICHT!"
Als sie das Flugzeug bestiegen, sah Lucas aus dem Fenster. Dort, auf dem Dach des Torre de Luz in der Ferne, stand eine Figur. Weißer Anzug. Und schaute zu ihnen.
„Jemand dort?", fragte Tito.
„R", flüsterte Lucas. „Er watched."
„ER WATCHT UNS?", fragte Tito. „WARUM?"
„WEIL ER WEISSE, DASS WIR GEWINNEN WERDEN", sagte Don Pedro hinter ihm. „UNBEQUEM."
Lucas drehte sich um. Don Pedro saß in einem anderen Sitz, aber hatte sich dorthin bewegt. „WIE BIST DU HIER GELANGT?!"
„ICH BIN GEFLIEGEN", sagte Don Pedro einfach.
„DU KANNST NICHT FLIEGEN!"
„ECHTE JAGUARE KÖNNEN ES NICHT", sagte Don Pedro. „ICH BIN TECH-JAGUAR."
„DAS MACHT KEIN SINN!"
„DOCH", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."
„ICH"— Lucas atmete tief durch. Dann lächelte er. „Okay. Gut. Du kommst mit."
„JA", sagte Don Pedro. „ICH HILFE."
„DANKE"
Nach drei Stunden landeten sie in Buenos Aires. Die Stadt war anders als São Paulo – mehr Europa, weniger Dschungel. Breite Boulevards, alte Gebäude, Cafés überall.
„DER TURM IST DA", sagte Don Pedro und zeigte auf ein modernes Gebäude am Flussufer. Torre de Alegría – der Turm der Freude.
„ER NAMT LACHEN?", fragte Isabella.
„JA", sagte Don Pedro. „JEMAND HAT GEDACHT, DASS LACHEN EINE WAFFE IST."
„WIE KANN LACHEN EINE WAFFE SEIN?"
„WEIL LACHEN GRENZEN ÜBERSCHREITET", sagte Don Pedro. „WENN DU LACHST, BIST DU NICHT MEHR ANGST."
„UND DAS IST GEFÄHRLICH?"
„FÜR JEMANDEN, DER KONTROLLE WILL, JA", sagte Don Pedro.
Schlich sich zum Eingang des Turms. Es war abends. Wenig Menschen. Nur zwei Security-Männer am Tor.
„WIE KOMMEN WIR REIN?", fragte Isabella.
„ICH HABE EINE IDEE", sagte Don Pedro. „PRINZESSIN."
„JAA?", sagte das Tablet.
„KANNST DU DIE SECURITY ÜBERNEHMEN?"
„SCHON GETAN", sagte Prinzessin. „ICH HABE IHRE RADIO-NACHRICHT GEOFEN. SIE DENKEN, ES IST EIN FEUERALARM."
„EIN FEUERALARM?!"
„NEIN", sagte Prinzessin. „SIE DENKEN, ES IST EIN FEUERALARM. ABER ES IST NICHT."
„DAS IST—" Lucas hielt inne. „DAS IST GENIAL."
„DAS IST ELEGANT", korrigierte Prinzessin.
Die zwei Security-Männer rannten hinaus. Der Eingang stand offen.
„REIN!", flüsterte Don Pedro.
Sie huschten in das Gebäude. Dahinter wartete ein Aufzug, der direkt nach unten führte.
„WARTEN", sagte Don Pedro. „ZUERST FRAGEN."
„DIE AUFZUG?", fragte Isabella skeptisch.
„JA", sagte Don Pedro. „ER SAGT MIR ETWAS."
„WAS SAGT ER?"
„ER SAGT: 'ICH BIN EINGESTELLT'".
„DAS HEISST:"
„DAS HEISST: ER KÖNNTEN WIDERSTANDEN. ODER NICHT."
„DAS MACHT KEIN SINN!"
„DOCH", sagte Don Pedro. „WIDERSTAND IST WAHL. AUFDRINGUNG IST NICHT."
„WAS?"
„WIDERSTAND IST FREIHEIT", sagte Don Pedro. „WENN MAN SICHT NICHT WEIGERT."
„DAS IST—" Lucas schloss die Augen. Dann sagte er: „Gut. Probieren."
Der Aufzug fuhr. Nicht nach oben. Nach unten. Sehr tief.
„WIE VIEL EBENEN?", fragte Isabella.
Das Handy berechnete. „47."
„47?! AUCH HIER?!"
„JA", sagte das Handy. „ALLE TÜRM HABEN EBENE 47. ES IST SYSTEM."
Der Aufzug hielt. Die Tür öffnete sich.
Hinter ihr lag ein Raum. Viel größer als in São Paulo. Und in der Mitte... ein Konzertsaal. Mit einem Bühne. Mit Musikinstrumenten.
„DAS IST..." begann Isabella.
„LACHEN", sagte Don Pedro leise. „AUF DER BÜHNE."
Er hatte recht. Auf der Bühne standen fünf Personen. Sie lachten. Laut. Unaufhörlich. Ohne Unterlass.
„WARUM LACHEN SIE?", fragte Isabella.
„WEIL SIE KÖNNEN NICHT AUFHÖREN", sagte Don Pedro. „DIE MASCHINE ZWINGT SIE."
„WIE KANN MAN LACHEN ZWINGEN?"
„EMOTION IST ENERGIE", sagte Don Pedro. „UND MAN KANN ENERGIE LENKEN."
Plötzlich hörten sie Schritte. Viele Schritte. Aus dem Gang kamen mehr Sicherheitsleute – aber nicht die gleichen wie zuvor.
„HALT!", rief einer. „NIEMAND DARF HIER SEIN!"
„WIR SIND HIER!", rief Don Pedro zurück. „UND WIR WOLLEN FREIHEIT!"
„FREIHEIT?", lachte der Sicherheitsmann. „DAS GIBT ES NICHT HIER!"
„DAS IST FALSCH!"
„DOCH", sagte der Mann. „HIER HERRSCHT KONTROLLE."
„KONTROLLE IST NICHT LEBEN!", sagte Don Pedro.
„KONTROLLE IST SICHERHEIT", sagte der Mann. „SICHERHEIT IST WICHTIG."
„NEIN", sagte Don Pedro. „FREIHEIT IST WICHTIGER."
„DAS IST"— der Mann hielt inne. „DAS IST NICHT WAHR."
„DOCH", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."
„ICH"— Der Mann hielt inne. Dann sagte er leise: „Nein. Es ist wahr."
Alle schauten ihn an.
„WAS?", fragte Lucas.
„ICH...", begann der Mann. „ICH HABE VOR EIN JAHR MEINE TOCHTER VERLOREN. WEIL SIE ZU VIEL ANGST HATTE."
„ANGST?", sagte Isabella.
„JA", sagte der Mann. „UND HIER... HIER KANN ICH ES VERGESSEN. WEIL ALLE LACHEN. WEIL ALLE GLÜCKLICH SIND."
„ES IST NICHT GLÜCKLICH", sagte Don Pedro leise. „ES IST ERZWUNGEN."
„ICH WEISSE", sagte der Mann. „ABER ES IST BESSER ALS ANGST."
„ANSTATT ANGST?", sagte Don Pedro. „DANN LERNT ZU LEBEN MIT ANGST."
„DAS IST—" Der Mann schluckte. „DAS IST SCHWER."
„DAS IST LEBEN", sagte Don Pedro. „UND LEBEN IST SCHWER."
Stille.
Dann sagte der Mann: „Was wollt ihr?"
„FREIHEIT", sagte Isabella. „FÜR ALLE."
„ALLE?", wiederholte der Mann. „DAS IST—" Er hielt inne. „DAS IST GUT."
„GUT?", sagte Lucas überrascht.
„JA", sagte der Mann. „WEIL ICH AUCH MAL FREI SEIN WILL."
„DANN HILF UNS", sagte Don Pedro.
Der Mann zögerte. Lange Zeit. Dann nickte er.
„ICH HABE EINEN SCHLÜSSEL", sagte er. „FÜR DIE ZENTRALMASCHINE. IN EBENE 49."
„49?! WOHER KOMMT 49?!"
„WECHSELTECHNIK", sagte Don Pedro.
„NEIN", sagte der Mann. „WEIL ICH ES GEBAUT HABE."
„DU HAST ES GEBEUT?"
„FRÜHER", sagte der Mann. „BEVOR ICH GEWISST HABE. JETZT WEISS ICH."
„DANN FÜHR UNS DORTHIN", sagte Isabella.
„JAA", sagte der Mann. „ABER SIE MÜSSEN WISSEN: ES GIBT SOWIE EINE WAHL."
„WELCHE WAHL?"
„WENN IHR DIE MASCHINE ZERSCHMETTER, KÖNNTE MAN ALLES VERLIEREN", sagte der Mann. „LACHEN. GLÜCK. ALLES."
„DAS WÄRE GUT", sagte Don Pedro. „WEIL ES WAHR WÄRE."
„WAHR?", sagte der Mann. „WAS IST WAHR?"
„DAS, WAS BLIEBT, WENN ALLES ANDERE WEG IST", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."
„ICH HASSE—" Der Mann hielt inne. Dann lächelte er. „Gut."
„DAS IST SCHÖN", sagte Isabella.
„SCHÖN?", sagte Don Pedro. „DAS IST—" Er hielt inne. „DAS IST WAHR."
Und der Mann nickte langsam. Dann sagte er:
„Dann folgt mir."
Und so gingen sie zusammen. Nicht als Gegner. Sondern als Freunde. Auf dem Weg zur Ebene 49. Zu einer Entscheidung, die alles verändern würde.
Weit weg in einem Labor beobachtete jemand das alles auf einem Bildschirm und sagte leise:
„Sie gewinnen nicht. Sie verstehen."
„Was ist der Unterschied?"
„Gewinnen bedeutet besiegen. Verstehen bedeutet sein.", sagte die Stimme.
„Welche ist stärker?"
„Verstehen", sagte die Stimme. „WECHSELTECHNIK."
Der Bildschirm wurde dunkel.
Und in Buenos Aires begann die wahre Arbeit.
Ebene 49 wartete.