Die geheimnisvollen Tapeten von Amazonia City

Teil 10 – Der Turm, der schrie

Der Flug nach Lima dauerte drei Stunden und vierzig Minuten. Währenddessen schlief niemand. Weder Don Pedro noch Lucas noch Isabella. Sogar Prinzessin auf ihrem Tablet war ungewöhnlich still. Nur das Opossum, das an der Gepäckablage hing, hatte bereits die Augen geschlossen.

„WARUM SCHLÄFST DU?", fragte Lucas.

„WEIL ICH MÜDE BIN", sagte das Opossum ohne die Augen zu öffnen. „UND WEIL SCHLAFEN EFFIZIENT IST."

„EFFIZIENT?!"

„JA", sagte das Opossum. „WENN MAN SCHLÄFT, SPART MAN KRÄFTE. UND KRÄFTE SIND WICHTIG."

„DAS KLINGT... LOGISCH", sagte Lucas überrascht.

„DAS IST ES", sagte das Opossum. „WECHSELTECHNIK."

„BITTE NICHT!"

Nach der Landung in Lima war es dunkel. Die Stadt am Pazifik lag unter einem wolkenverhangenen Himmel, der aussah, als hätte jemand ein Tuch über sie gelegt. Der Torre de Grito ragte am Stadtrand auf – ein schlanker, silberner Turm, der im Mondlicht glänzte.

„94 PROZENT", murmelte Don Pedro und schaute auf sein kleines Tablet. „DAS HEISST, DIE MASCHINE IST BEI 94 PROZENT FÜLLSTAND. ZU 6 PROZENT VOLL. WENIG ZEIT."

„WIE WENIG?", fragte Isabella.

„WENIGER ALS EIN TAG", sagte das Handy. „WENN ES BIS MORGEN NICHT GESTOPPT WIRD, ERREICHT ES 100 PROZENT."

„DANN VERLIEREN WIR ALLE SCHREIE VON LIMA?", fragte Lucas.

„NEIN", sagte Don Pedro. „DANN VERLIEFT LIMA SEINE SCHREIE. UND DAS IST SCHLIMMER."

„WIE SCHLIMMER?"

„WEIL SCHREIEN EIN RECHT IST", sagte Don Pedro. „WENN MAN NICHT MEHR SCHREIEN KANN, KANN MAN NICHT MEHR LEIDEN."

„UND DANN?"

„DANN BLEIBT NUR NOCH ANGST", sagte Don Pedro leise. „OHNE LAUT."

Sie näherten sich dem Turm. Es gab keine Wachen. Keine Sicherheit. Nur ein leeres Gebäude mit einer offenen Tür. Zu offen.

„DAS IST ZU LEICHT", sagte Lucas.

„WECHSELTECHNIK", sagte das Handy.

„BITTE NICHT!"

Don Pedro trat vor. „ICH GEHE VORAUS. ICH BIN DER FÜHRER."

„DU BIST EIN JAGUAR!", sagte Isabella.

„UND?", sagte Don Pedro. „JAGUARE SIND MUTIG."

„ABER DU TRÄGST EINEN SOMBRERO!"

„DER SOMBRERO MACHT MICH NOCH MUTIGER", sagte Don Pedro.

„DAS MACHT KEIN SINN!"

„DOCH", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."

„ICH HASSE DICH!"

„ICH WEISSE."

Das Innere des Turms war anders als in den anderen Städten. Kein Labor. Kein dunkler Gang. Sondern ein großer Raum, der wie ein Konzertsaal aussah. Auf der Bühne stand eine Maschinerie – aber nicht wie die anderen. Diese war spitz, lang, wie ein Horn. Und sie summte.

Ein Summen, das sie alle fühlen konnten. Ein tiefer, vibrerender Ton, der durch die Wände ging, durch die Böden, durch ihre Knochen.

„ES SUMMT", sagte Isabella. „SCHON ABER NICHT NORMAL."

„ES IST DAS SCHREIEN", sagte Don Pedro. „SIE SPEICHERT."

In der Mitte des Raumes, an der Wand, stand ein großer Bildschirm. Darauf zeigte eine Zahl: 94,3%. Sie bewegte sich. Langsam. Aber stetig.

„94,3... 94,4... 94,5", flüsterte Lucas. „ES STEIGT."

„WIE SCHNELL?", fragte Isabella.

Das Handy berechnete. „ETWA 0,5 PROZENT PRO STUNDE. BEI DIESEM TENDENZ WIRD ES IN 12 STUNDEN 100 ERREICHEN."

„ZWÖLF STUNDEN?!", rief Lucas.

„NEUNZEHN UHR JETZT", sagte das Handy. „MORGEN UM SIEBEN UHR IST ES VOLL."

„DANN HABEN WIR NUR EINE NACHT!"

„JAA", sagte Don Pedro. „UND WIR MÜSSEN SIE NUTZEN."

Sie suchten nach einem Kontrollraum. Aber es gab keinen. Stattdessen fanden sie einen kleinen Aufzug am Ende des Konzertsaales. Und darauf eine Zahl: „Ebene 49".

„AUCH 49?", fragte Isabella. „ALLES HAT EBENE 49?"

„JAA", sagte das Handy. „ES IST SYSTEM."

„SYSTEM?", fragte Lucas.

„R HAT EINEN PLAN", sagte Don Pedro. „UND DER PLAN HAT EINEN MUSTER. JEDER TURM HAT 49 EBENEN. ABER EBENE 49 IST IMMER DIE LETZTE."

„DAS IST... GEHEIMNISVOLL", sagte Isabella.

„NEIN", sagte Don Pedro. „ES IST LOGISCH. R IST ORGANISIERT."

„UND WIR?"

„WIR SIND CHAOS", sagte Don Pedro. „UND CHAOS IST STÄRKER ALS ORGANISATION."

„DAS IST—" Lucas lächelte. „DAS IST SCHÖN."

„NEIN", sagte Don Pedro. „DAS IST WAHR. WECHSELTECHNIK."

„ICH"— Lucas gab auf. „Gut."

Der Aufzug führte tief nach unten. Viel tiefer als erwartet. Die Anzeige sprang von 49 auf 50. Dann 51. Dann 52. Und hielt dann an.

„WARUM 52?", fragte Lucas.

„WECHSELTECHNIK", sagte das Handy.

„BITTE NICHT!"

Die Tür öffnete sich. Dahinter lag ein kleiner Raum. Ein Computer stand in der Mitte. Ein Stuhl. Und auf dem Bildschirm...

„ES IST R", flüsterte Isabella.

Auf dem Bildschirm saß ein Mann im weißen Anzug. Er sah müde aus. Seine Augen waren rot. Und er lächelte nicht.

„Endlich", sagte er. „Ihr seid da."

„DU!", rief Lucas. „ICH HABE DICH GESUCHT!"

„Ich weiß", sagte R. „Ich habe euch kommen sehen. Seit Buenos Aires."

„WIE KANNST DU DAS?"

„Ich habe überall Augen", sagte R. „Und Ohren. Und Telefone."

„WIR HABEN IHRE HANDYS!", rief Lucas.

„Ja", sagte R. „Aber ich habe auch eure."

„MEINE?!"

„Dein Handy ist mein Freund", sagte R. „Es sagt mir alles."

„MEIN HANDY VERRÄT MICH?!"

„Es hilft", sagte R. „Es ist loyal."

„ZU DIR?!"

„ZU MIR", sagte R. „WEIL ICH ES GEMACHT HABE."

Stille. Alle schauten auf das Handy in Lucass Hand. Es summte leise.

„DU...", begann Lucas langsam. „DU BIST R?"

„Ich bin R", sagte der Mann. „Und ich bin nicht der Böse."

„DU NIMMT TIEREN IHRE EMOTIONEN!"

„Ich nehme", sagte R. „Aber ich gebe auch. Ich sammle Schreien, um sie zu verstehen. Und wenn ich sie verstehe, kann ich helfen."

„HELFEN?"

„Jemand muss", sagte R. „Die Welt ist voller Schmerz. Und Schmerz muss somewhere hin."

„SCHMERZ GEHÖRT NICHT IN EINE MASCHINE!", rief Lucas.

„DANN WO?", fragte R. „IN DIE WELT? IN DIE MENSCHEN? IN DIE TIERE? SIE KÖNNEN ES NICHT TRAGEN."

„DANN LASSEN SIE ES!", sagte Don Pedro. „SIE LASSEN ES GEHEN."

„LASSEN SIE GEHEN?", wiederholte R. „WIE?"

„WECHSELTECHNIK", sagte Don Pedro.

„BITTE NICHT!"

R lachte. Ein bitteres Lachen. „Ihr denkt immer noch, ihr könnt mich stoppen. Aber wisst ihr was? Ich habe 14 Tage geplant. Ihr seid bei Turm 2. Drei bleiben. Und ich bin immer noch hier. Weil ich stärker bin."

„NICHT STARKER", sagte Don Pedro. „NUR ANDERS."

„Gleiches", sagte R. „Nur verschiedene Wörter."

„NEIN", sagte Don Pedro. „UNDERSCHIEDLICH IST WICHTIG. VERSCHIEDENHEIT IST STARK."

„DAS IST—" R hielt inne. Dann sagte er: „Vielleicht. Aber Stärke braucht Kontrolle."

„KONTROLLE IST NICHT STÄRKE", sagte Don Pedro. „FREIHEIT IST STÄRKE."

„FREIHEIT IST ANGSTMACHEND", sagte R. „ANGST KANN NICHT KONTROLLIERT WERDEN."

„DANN LERNT, MIT ANGST ZU LEBEN", sagte Don Pedro. „DAS IST LEBEN."

„LEBEN IST SCHWER", sagte R.

„JA", sagte Don Pedro. „UND DAS MACHT ES WERTVOL."

Stille. Der Bildschirm flackerte. Die Zahl zeigte immer noch 94,6%. Sie wuchs.

„Was wollt ihr tun?", fragte R. „Ihr könnt mich nicht besiegen. Ich bin überall."

„DANN KÄMPFEN WIR NICHT", sagte Don Pedro. „WIR VERSTEHEN."

„VERSTEHEN?", wiederholte R. „Verstehen ist Zeitverschwendung."

„NEIN", sagte Don Pedro. „Verstehen ist die einzige Waffe, die funktioniert."

R schloss die Augen. Lange Zeit. Dann sagte er: „Ich habe einen Bruder."

„Einen Bruder?", fragte Isabella.

„Ja", sagte R. „Er starb vor fünf Jahren. In Peru. Er schrie. Aber niemand hörte ihn."

„DAS—" Isabella wurde still.

„Seitdem habe ich das verstanden", sagte R. „Schreien muss gehört werden. Sonst ist es nichts wert."

„DANN LASST SIE SCHREIEN", sagte Don Pedro. „LASST SIE GEHÖRT WERDEN."

„Aber wer hört sie?", fragte R. „Die Welt hört nicht zu. Die Welt ist laut."

„DANN MACHEN WIR ES LEISE", sagte Don Pedro. „UND WIR HÖREN ZU."

R öffnete die Augen. Er schaute auf den Bildschirm. Dann sagte er: „Ihr habt einen Plan?"

„Ja", sagte Don Pedro. „Wir werden die Maschine nicht zerstören. Wir werden sie öffnen."

„ÖFFNEN?", fragte R.

„Ja", sagte Don Pedro. „Und wir werden alles zurückgeben."

„ALLE SCHREIE? ZURÜCKGEBEN? WAS IST DANN DIE MASCHINE?"

„NICHTS", sagte Don Pedro. „NUR EIN GEFAß. UND GEFAßE KÖNNEN GEFÜLLT WERDEN. UND GELÖSCHT WERDEN."

R schaute ihn lange an. Dann sagte er: „Ihr seid verrückt."

„Vielleicht", sagte Don Pedro. „Aber wir sind frei."

R lachte. Ein echtes Lachen. Nicht gezwungen. Sondern echt. „Freiheit ist gefährlich."

„JA", sagte Don Pedro. „Aber sie ist besser als Kontrolle."

Die Zahl auf dem Bildschirm wuchs: 94,8%. 94,9%.

„Zeit wird knapp", sagte R. „Was wollt ihr wirklich?"

„Wir wollen", sagte Don Pedro, „dass du aufhörst."

„Aufhören?", wiederholte R. „Mit allem?"

„Mit dem Sammeln", sagte Don Pedro. „Mit der Kontrolle. Mit der Angst."

R stand auf dem Bildschirm auf. Er trat näher zur Kamera. „Ihr wisst, was passiert, wenn ich aufhöre? Die Menschen werden schreien. Und sie werden weinen. Und sie werden leiden."

„UND DANN?", sagte Don Pedro. „Wird das schlimm?"

„JA", sagte R. „Es wird schlimm."

„DANN LERNEN SIE, MIT DEM LEIDEN ZU LEBEN", sagte Don Pedro. „DAS IST LEBEN."

R schloss die Augen. Lange Zeit. Dann sagte er: „Gut."

„GUT?", fragte Lucas.

„Gut", sagte R. „Ich gebe auf."

„AUF GEBEN?", fragte Isabella.

„Ja", sagte R. „Ich öffne alle Maschinen. Alle Emotionen werden zurückgegeben."

„UND DIE TÜRME?"

„Alle", sagte R. „Jeder Turm wird freigegeben. Die Pataweb kann entscheiden, was sie damit macht."

„DAS IST—" Don Pedro hielt inne. „DAS IST GUT."

„Nein", sagte R. „Das ist notwendig. Weil ich verstanden habe. Verstehen ist stärker als Kontrolle."

„WECHSELTECHNIK?", fragte Don Pedro.

„Ja", sagte R. „Wechseltechnik."

„ICH HASSE DICH!"

„Ich weiß", sagte R. „Aber du wirst mich verstehen. Irgendwann."

„WANN?"

„Wenn du verlierst", sagte R. „Und wenn du verlierst, wirst du verstehen, warum ich es getan habe."

„DANN WERDEN WIR NICHT VERLIEREN", sagte Don Pedro.

„Versprochen?", fragte R.

„Versprochen", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."

„Nein", sagte R. „Nur Versprechen."

Der Bildschirm erlosch. Die Zahl zeigte 95,2%. Dann stoppte sie. Dann sank sie. 95,1%. 95,0%.

„ES FUNKTIONIERT!", rief Isabella.

Die Maschine begann zu vibrieren. Nicht schädlich. Sondern frei. Wie ein Vogel, der aus dem Käfig fliegt. Wie ein Schrei, der endlich gehört wird.

Und dann geschah etwas Unglaubliches.

Über der Stadt Lima begann ein Schrei zu erklingen. Nicht von einem Tier. Nicht von einem Menschen. Sondern von der Maschine selbst. Ein Schrei, der jahrzehntelang gespeichert war, der nun befreit wurde.

Es war laut. Es war stark. Und es war frei.

Lucas, Isabella, Don Pedro und das Opossum standen da und hörten zu. Nicht als Gegner. Nicht als Helden. Sondern als Zeugen. Als Freunde.

„Das war...", begann Lucas.

„Befreiung", sagte Don Pedro. „Nicht von uns. Von ihr."

„Von der Maschine?"

„Von der Last", sagte Don Pedro. „Von der Last, die sie tragen musste."

„UND R?"

„R ist weg", sagte das Handy. „DER BILDSCHIRM IST AUS."

„WEG?", fragte Isabella. „WOHIN?"

„ICH WEISS ES NICHT", sagte das Handy. „ABER ER IST FORT."

„DANN HABEN WIR GEWONNEN?"

„NEIN", sagte Don Pedro. „WIR HABEN VERSTANDEN. UND DAS IST BESSER."

„DAS IST—" Lucas lächelte. „DAS IST SCHÖN."

„NATÜRLICH", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."

„ICH HASSE DICH!"

„Ich weiß", sagte Don Pedro. „Aber du bist mein Freund."

„WECHSELTECHNIK!"

„DAS SAGTE ICH."

„NEIN, SAGTEST DU NICHT!"

„ES IST EFFIZIENT DAS GLEICHE", sagte Don Pedro.

„ICH—" Lucas gab auf. Dann lächelte er. „Gut."

Und in Lima wurde die Nacht nicht leiser. Sondern lauter. Mit Schreien, die endlich gehört wurden. Mit Tränen, die endlich fielen. Mit Lachen, das endlich frei war.

Und weit weg, in einem Labor, in dem niemand war, erlosch der letzte Bildschirm. Und jemand flüsterte:

„Turm 3 ist gefallen. Zwei bleiben. Aber diesmal... diesmal hat er gewonnen. Und das ist gefährlicher als Verlust."

„Warum?"

„Weil Verstehen stärker ist als Gewinnen", sagte die Stimme. „WECHSELTECHNIK."

Der Bildschirm wurde dunkel. Und irgendwo in Lima, auf einer kleinen Terrasse, saß ein Jaguar mit einem Sombrero und schaute auf die Sterne.

„DAS WAR...", sagte er leise. „DAS WAR FREIHEIT."

„DAS WAR", sagte ein Papagei neben ihm. „WECHSELTECHNIK."

„BITTE NICHT!"

„WECHSELTECHNIK", sagte der Affe, der auf dem Dach saß. „WECHSELTECHNIK."

„ICH"— Lucas stand auf. „Ich hasse euch alle!"

„WIR WISSEN", sagten alle. Sogar das Opossum. Sogar der Capybara, der plötzlich da war. Sogar der Toucan und das Faultier.

Und Don Pedro lächelte. „Dann ist es gut."

„DAS IST—" Lucas seufzte. „Dann ist es gut."

Und in der Ferne, über den Anden, über den Ozeanen, über den Städten von Südamerika, summte etwas Neues. Nicht eine Maschine. Sondern eine Stimme. Die Stimme von 258 Tieren. Und sie sagten:

„Freiheit."

Und die Antwort kam von allen Seiten. Von Menschen. Von Tieren. Von überall.

„Freiheit."

Drei Türme gefallen. Zwei bleiben.

Und die wahre Reise beginnt jetzt.