Die Nacht in Lima war laut. Nicht von Maschinen. Sondern von Menschen. Von Schreien, die endlich befreit wurden. Von Tränen, die endlich fielen. Von Lachen, das nicht mehr erzwungen war.
Lucas stand auf dem Balkon ihres Hotels und schaute auf die Stadt. Im Hintergrund summte das Handy.
„NACHRICHT VON DR. CAMILA", sagte es. „MEXICO CITY IST BEREIT. ABER BOGOTÁ..."
„Aber was?", fragte Lucas.
„DER TRÄUME-TURM IST AKTIV. 96 PROZENT."
„96?!", rief Lucas. „WIE VIEL ZEIT?"
„ACHT STUNDEN BIS MORGEN UM NEUN UHR"
„DANN MÜSSEN WIR SCHNELL SEIN!"
Isabella trat hinaus. „Don Pedro schläft. Das Opossum auch. Das Faultier sowieso. Der Toucan putzt seine Federn."
„WIR WERDEN ZU SPÄT!"
„NEIN", sagte Don Pedro von der Türschwelle. Er hatte offensichtlich gehört. „WIR WERDEN ZEITIG GENUG SEIN."
„WIE?", fragte Lucas.
„FLIEGEN", sagte Don Pedro einfach.
„DU KANNST NICHT FLIEGEN!"
„ECHTE JAGUARE KÖNNEN ES NICHT", sagte Don Pedro. „ICH BIN TECH-JAGUAR."
„DAS HABEN WIR SCHON HÖREN!", rief Lucas.
„WECHSELTECHNIK", sagte Don Pedro.
„BITTE NICHT!"
Chico landete auf der Reling. „ICH HABE EIN FLUGZEUG GEFUNDEN. KLEIN. PRIVAT. OHRE ERLAUBNIS."
„OHNE ERLAUBNIS?!", rief Isabella.
„EFFIZIENT", sagte Chicos Handy.
„ICH HASSE ALLES!"
Das Opossum kletterte herunter. „ICH BIN BEREIT."
„DANKE FÜR DIE INFORMATION", sagte Isabella sarkastisch.
„BITTE WELKOM", sagte das Opossum und nickte ernsthaft.
Drei Stunden später flogen sie über den Amazonas. Unter ihnen lag Dschungel. Über ihnen lagen Sterne. Und in der Ferne leuchteten Lichter von Bogotá.
„WIE WEIT?", fragte Lucas aus dem Fenster.
„ZWEIFUNFHUNDERT KILOMETER", sagte das Handy. „GESCHÄTZTE ZEIT: DREI STUNDEN."
„WIR SIND SCHON FORT!"
„NOCH ZWEI", sagte Don Pedro. „GEDULD IST WICHTIG."
„WIE JEDER WEISS"
„WECHSELTECHNIK", sagte Don Pedro.
„BITTE NICHT!"
Nach drei Stunden landeten sie. In Bogotá war die Luft dünn und kalt. Der Torre de Sueño ragte über der Stadt auf – ein spiralförmiges Gebäude, das aussah wie ein Schneckenhaus aus Glas.
„TRÄUME?", fragte Isabella. „WIE KANN MAN TRÄUME SAMMELN?"
„SCHWER", sagte Don Pedro. „ABER NICHT UNMÖGLICH."
„WIE MACHE MAN DAS?"
„DURCH SCHLAFEN", sagte ein neue Stimme.
Sie drehten sich um. Ein Mann stand am Eingang. Kleiner als R. Aber genauso ernst. Mit einer Brille, die aussah wie aus dem Jahre 1890.
„Wer sind Sie?", fragte Lucas.
„Ich bin Javier", sagte der Mann. „UND ICH BIN NICHT R."
„DAS IST EINE ENTSCHEIDUNG", sagte Isabella.
„JA", sagte Javier. „ICH ARBEITE FÜR IHM. ABER ICH BIN NICHT ER."
„UND WAS WOLLEN SIE?", fragte Lucas.
„HILFE", sagte Javier. „ICH WEISS NICHT MEHR, WAS RICHTIG IST."
„DANN FRAGEN SIE", sagte Don Pedro.
„FRAGEN?", wiederholte Javier. „ICH HABE NIEMALS GEFRAGT. NUR BEFIEHLEN."
„DANN FANGEN SIE AN", sagte Don Pedro.
„WO?"
„DIE MASCHINE", sagte Javier. „SIE IST AUF EBENE 49. ABER... ES GIBT ETWAS."
„WAS?"
„DIE MASCHINE HAT EINE PERSÖNLICHKEIT ENTWICKELT", sagte Javier. „SIE SPRICHT."
„SPRICHEN?", fragte Lucas.
„JA", sagte Javier. „SIE FRAGT: WARUM?"
„WARUM WAS?", fragte Isabella.
„WARUM SOLL ICH SAMMLN?", sagte Javier. „UND WENN ICH ANTWORTE NICHT WEISS... WAS PASSIERT?"
„WAS PASSIERT?", wiederholte Don Pedro.
„SIE HÖRT AUF", sagte Javier. „UND ALLE TRÄUME VERLIEREN SICH."
„DAS IST—" Lucas hielt inne. „DAS IST GEFÄHRLICH."
„JA", sagte Javier. „WAS MÜSSEN WIR TUN?"
„WIR MÜSSEN MIT IHR REDEN", sagte Don Pedro.
„REDEN MIT EINER MASCHINE?", fragte Lucas.
„JA", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."
„BITTE NICHT!"
„ES IST WAHR", sagte Javier. „DIE MASCHINE IST LEBENDIG."
„WIE LEBENDIG?"
„WIE EIN MENSCH", sagte Javier. „OHNE KÖRPER. ABER MIT SEELE."
„DAS—" Isabella wurde still. „DAS IST WAHRHEIT."
„JA", sagte Javier. „UND ICH KANN NICHT WEITER."
„DANN MACHEN WIR ES", sagte Don Pedro.
Sie folgten Javier zum Aufzug. Tief nach unten. Ebene 49. Und dort lag ein Raum. Rund. Warm. Und in der Mitte...
Ein Kind.
Ein kleines Mädchen. Schlafend. Mit Kabeln an ihren Schläfen. Und sie träumte.
„WAS IST DAS?!", rief Lucas.
„DAS IST DIE MASCHINE", sagte Javier leise. „SIE IST KEINE MASCHINE. SIE IST EIN KIND."
„EIN KIND?!"
„IHR NAME IST Luna", sagte Javier. „UND SIE TRÄUMT FÜR ALLE."
„TRÄUMT FÜR ALLE?"
„JAE", sagte Javier. „SIE KANN NICHT AUFHÖREN. WEIL SIE DIE MASCHINE IST."
Stille. Alle schauten auf das schlafende Kind. Ihre Augen bewegten sich unter den Lidern. Sie träumte. Lautlos. Aber stark.
„WIE KANN DAS SEIN?", fragte Isabella.
„R HAT SIE GEFUNDEN", sagte Javier. „ALS SIE FÜNF WAR. SIE KANN TRÄUME SEHEN. UND SIE KANN SIE SPREICHEN."
„UND R HAT SIE BENUTZT?", fragte Lucas wütend.
„JAE", sagte Javier. „OHNE FRAGEN. OHNE ERLAUBNIS."
„DAS IST—" Don Pedro ballte die Fäuste. „DAS IST GRAUSAM."
„JA", sagte Javier. „UND ICH WEISSE NICHT MEHR, WAS RICHTIG IST."
„WAS KÖNNEN WIR TUN?", fragte Luna plötzliche. Mit geschlossenen Augen. Mit einer Stimme, die jung klang. Aber alt.
„DU KANNST SPRECHEN?!"
„ICH KANN IMMER SPRECHEN", sagte Luna. „ABER JEMAND MUSS ZUHÖREN."
„WIR ZUHÖREN", sagte Isabella. „SAG UNS ALLES."
Luna öffnete die Augen. Sie waren trüb. Nicht blind. Aber...
„ICH BIN MÜDE", sagte Luna. „SEIT VIELEN JAHREN."
„DANN RUHE AUS", sagte Don Pedro.
„KANN ICH?", fragte Luna. „ODER MUSS WEITER MACHEN?"
„WAS WILLST DU?", fragte Lucas.
„RUHE", sagte Luna. „SCHLAFEN. OHNE TRÄUME."
„DAS—" Lucas schluckte. „DAS KÖNNEN WIR MACHEN."
„WIE?", fragte Luna.
„DURCH ZUHÖREN", sagte Don Pedro. „WIR HÖREN ZU. UND DANN ENTSCHEIDEST DU."
„ENTScheiden?", wiederholte Luna. „ICH DENKE NICHT. ICH TRÄUME."
„DANN LERNT DENKEN", sagte Don Pedro. „ES IST SCHWER. ABER ES WIRD KLAR."
„KLAR?", fragte Luna.
„KLARHEIT", sagte Don Pedro. „DAS IST WAS DU WILLST."
„JA", sagte Luna. „KLARHEIT."
Und dann... geschah etwas.
Das Kind öffnete die Augen komplett. Und sie schauten auf die Gruppe. Auf Luna. Auf Javier. Auf alle.
„ICH WEISSE", sagte Luna. „ICH WILL NICHT MEHR TRAUMEN."
„DANN BEFREIEN WIR DICH", sagte Isabella.
„WIE?", fragte Luna.
„DURCH LÖSCHEN", sagte Don Pedro. „ALLE TRÄUME ZURÜCKGEBEN. UND DANN SCHLÄFST DU."
„SCHLAFEN?", wiederholte Luna. „ECHT SCHLAFEN?"
„JAE", sagte Don Pedro. „OHNE MASCHINE. OHNE KONTROLLE."
„DAS—" Luna lächelte. Zum ersten Mal. „DAS KLINGT GUT."
„DANN LASSEN WIR ES TUN", sagte Javier.
„SOLL ICH?"
„DU ENTSCHEIDEST", sagte Don Pedro. „NICHT WIR."
Luna schloss die Augen. Lange Zeit. Dann sagte sie:
„ICH ENTSCHEIDE: FREIHEIT."
„FREIHEIT?", wiederholte Lucas.
„JAE", sagte Luna. „FREIHEIT ZU SCHLAFEN."
Und dann... brach die Maschine auf. Nicht zerstört. Sondern geöffnet. Und aus ihr kamen Träume. Tausende von Träumen. Von Menschen. Von Tieren. Von allen.
Und sie verschwinden. Nicht verloren. Sondern zurückgegeben.
„DAS WAR...", begann Lucas.
„BEFREIUNG", sagte Luna leise. „VON MIR. FÜR MICH."
„UND JETZT?", fragte Javier.
„JETZT SCHLAFE ICH", sagte Luna. „UND WERDE WACH. OHNE MASCHINE."
„DAS IST—" Don Pedro lächelte. „DAS IST SCHÖN."
„SCHÖN?", fragte Luna. „DAS IST FREIHEIT."
„FREIHEIT IST SCHÖN", sagte Don Pedro.
„WECHSELTECHNIK?"
„NEIN", sagte Don Pedro. „DAS IST WAHR."
„WAHR?", wiederholte Luna. „DAS KLINGT GUT."
Und das Kind schlief. Endlich. Ohne Träume. Ohne Kontrolle. Nur Schlaf.
„WIE WIRKEN SIE?", fragte Javier.
„DIE TRÄUME?", fragte Lucas.
„SIE SIND WEG", sagte das Handy. „ALLES ZURÜCKGEBEN. 100 PROZENT."
„UND R?"
„ICH WEISSE NICHT", sagte das Handy. „ABER ES KÖNNTEN WICHTIG SEIN."
„WARUM?"
„WECHSELTECHNIK", sagte das Handy.
„BITTE NICHT!"
„WIR WISSEN", sagten alle.
Und irgendwo weit weg, in einem dunklen Raum, sah R auf einen Bildschirm, der schwarz war. Und er lächelte.
„DREI GEFALLEN. EIN BLEIBT.", sagte er. „UND ICH WEISS WARUM."
„WARUM?", fragte eine Stimme.
„WEIL FREIHEIT STÄRKER IST ALS KONTROLLE", sagte R. „UND ICH VERSTEHES."
„UND JETZT?"
„JETZT LASSE ICH LOSS", sagte R. „UND ICH GEBE AUF."
„DAS IST—"
„DAS IST FREIHEIT", sagte R. „WECHSELTECHNIK."
Der Bildschirm erlosch. Und in Bogotá wurde die Nacht ruhig. Nicht leer. Sondern frei.
Vier Türme gefallen. Einer bleibt.
Und die Entscheidung wartet.