Die geheimnisvollen Tapeten von Amazonia City

Teil 12 – Der Turm, der nichts sammelte

Der Flug nach Mexico City war still. Nicht weil niemand reden wollte. Sondern weil jeder wusste, dass der letzte Turm anders war. Der Turm der Stille.

Lucas schaute aus dem Fenster. Unter ihnen zogen die Anden vorbei wie eine Falte in der Erde. Dann der Ozean. Dann Mittelamerika. Dann... Mexiko.

„WIE NOCH WEIT?", fragte er.

„EINE STUNDE", sagte das Handy. „EFFIZIENT."

„BITTE NICHT!"

Don Pedro saß in der Ecke und starrte auf seinen Sombrero, den er auf den Knien hielt. Er hatte ihn seit Stunden nicht aufgesetzt. Das war ungewöhnlich.

„Was ist los?", fragte Isabella leise.

„DER LETZTE TURM", sagte Don Pedro. „STILLE."

„UND?"

„STILLE IST ANDERS", sagte er. „TRÄNEN KANN MAN GEHEN LASSEN. LACHEN KANN MAN BEFREIEN. SCHREIEN KANN MAN HÖREN. TRÄUME KANN MAN ZURÜCKGEBEN. ABER STILLE?"

„WAS IST MIT STILLE?"

„STILLE IST NICHTS", sagte Don Pedro. „UND MAN KANN NICHTS NICHT BEFREIEN."

Lucas schluckte. „DANN WAS MACHEN WIR?"

„ICH WEISS ES NICHT", sagte Don Pedro. Zum ersten Mal seit Tagen klang er ehrlich unsicher.

Das Opossum hing von der Gepäckablage und schaute nach unten. „ICH KENNE STILLE", sagte es. „ICH WAR MONATE IN EBENE 47. ES WAR... NICHTS."

„NICHTS?", fragte Isabella.

„JA", sagte das Opossum. „KEINE TRÄNEN. KEIN LACHEN. KEIN SCHREIEN. NICHTS. NUR... LEERE."

„UND WIE WAR DAS?"

„SCHLIMM", sagte das Opossum. „WEIL MAN SICH SELBST NICHT MEHR SPÜRT."

Stille im Flugzeug. Echte Stille.

Dann sagte Chico: „ABER WIR SIND HIER. UND WIR SIND NICHT STILL."

„DAS IST WAHR", sagte Don Pedro und setzte seinen Sombrero auf. „UND DAS IST UNSERE STÄRKE."

„WECHSELTECHNIK?", fragte Lucas hoffnungslos.

„NEIN", sagte Don Pedro. „DAS IST WAHRHEIT."

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Mexico City war riesig. 22 Millionen Menschen, alle gleichzeitig auf der Straße, als hätte jemand gerufen: „Alle raus! Jetzt!" Es roch nach Mais, Chili und Benzin.

Der Torre de Silencio stand am Stadtrand. Er war anders als die anderen Türme. Nicht hoch. Nicht glänzend. Sondern flach, breit und schwarz. Wie ein Stein, der nicht reflektierte.

„DER TURM IST... LEISE", sagte Isabella.

„ALLE TÜRME SIND LEISE", sagte Lucas.

„NEIN", sagte Don Pedro. „DIESER IST WIRKLICH LEISE. HÖRST DU?"

Lucas hielt inne. Er hörte. Und er verstand. Die Stadt war laut. Mexico City war immer laut. Aber hier, in der Nähe des Turms... war es still. Nicht leise. Sondern still. Als hätte jemand den Ton ausgemaakt.

„DAS IST UNHEIMLICH", sagte Tito, der aus Lucass Rucksack lugte.

„JA", sagte Don Pedro. „UND ES WIRD SCHLIMMER, JE NÄHER WIR KOMMEN."

Am Eingang wartete Dr. Camila. Sie sah müde aus. Aber ihre Augen waren wach.

„Ihr seid da", sagte sie. „Gut. Ich habe etwas entdeckt."

„WAS?"

„Der Turm sammelt nicht", sagte Dr. Camila.

„WAS?", rief Lucas. „ER SAMMELT NICHT?"

„Nein", sagte Dr. Camila. „Alle anderen Türme sammeln Emotionen. Tränen, Lachen, Schreien, Träume. Aber dieser... nimmt weg."

„WEGNEHMEN?", wiederholte Isabella. „WAS NIMMT ER WEG?"

„Alles", sagte Dr. Camila. „Er nimmt die Stille der Menschen und macht sie... zu nichts."

„DAS MACHT KEIN SINN!", sagte Lucas. „STILLE IST DOCH NICHTS! WIE KANN MAN NICHTS WEGNEHMEN?"

„INDEM MAN ES DURCH NOCHWENIGER ERSETZT", sagte Don Pedro leise.

Alle schauten ihn an.

„WAS HEISST DAS?", fragte Isabella.

„STILLE IST DIE ABWESENHEIT VON GERÄUSCHEN", sagte Don Pedro. „ABER ES GIBT ETWAS, DAS NOCH WENIGER IST ALS STILLE."

„WAS?"

„VERGESSEN", sagte Don Pedro. „WENN MAN STILLE WEGNIMMT, BLEIBT VERGESSEN."

Stille. Echte, schwere Stille.

Dr. Camila nickte. „R hat hier angefangen. Bevor er die anderen Türme baute. Dieser Turm war der erste. Er nahm den Menschen ihre Erinnerungen an Stille. Und ohne Erinnerung an Stille... können sie nicht mehr zur Ruhe kommen."

„DAS IST—", begann Lucas.

„GRAUSAM", vollendete das Opossum von der Decke.

„JA", sagte Dr. Camila. „Die Menschen in Mexico City können nicht mehr schlafen. Nicht mehr ruhig sitzen. Nicht mehr nachdenken. Weil sie vergessen haben, wie Stille fühlt."

„UND DIE MASCHINE?", fragte Lucas.

„ES GIBT KEINE MASCHINE", sagte Dr. Camila. „NUR EINEN RAUM."

„EINEN RAUM?"

„JA", sagte sie. „EBENE 49. ODER EBENE 0. ES IST GLEICH. ES IST EIN RAUM. OHNE MASCHINE. OHNE GERÄTE. NUR... STILLE."

„UND WAS MACHT DER RAUM?"

„ER EXISTIERT", sagte Dr. Camila. „UND WÄHREND ER EXISTIERT, VERGESSEN DIE MENSCHEN."

„DANN ZERSTÖREN WIR IHN!", rief Lucas.

„NEIN", sagte Don Pedro. „MAN KANN STILLE NICHT ZERSTÖREN."

„WARUM NICHT?!"

„WEIL STILLE NICHTS IST", sagte Don Pedro. „UND MAN KANN NICHTS NICHT ZERSTÖREN."

„DANN WAS?"

Don Pedro schaute auf den Turm. Lange Zeit. Dann sagte er:

„WIR MÜSSEN HINEINGEHEN. UND WIR MÜSSEN LAUT SEIN."

„LAUT?", fragte Isabella.

„JA", sagte Don Pedro. „ERINNERST DU DICH? STILLE GEGEN STILLE IST LAUT."

„DAS HAST DU IN LIMA GESAGT!"

„UND ES IST WAHR", sagte Don Pedro. „DER RAUM NIMMT STILLE. ABER WENN WIR NICHT STILL SIND... KANN ER NICHTS NEHMEN."

„DAS KLINGT... ZU EINFACH", sagte Lucas.

„NEIN", sagte Don Pedro. „ES IST SCHWER. WEIL STILLE ANSTECKEND IST. WENN MAN IN DEN RAUM GEHT... WIRD MAN STILL. OB MAN WILL ODER NICHT."

„UND DANN?"

„DANN VERGISST MAN", sagte Don Pedro. „WIE ALLE."

Stille.

„WER GEHT HINEIN?", fragte Isabella schließlich.

„ICH", sagte Don Pedro.

„DU?", rief Lucas. „DU KANNST NICHT!"

„ICH BIN DER EINZIGE, DER ES KANN", sagte Don Pedro. „ICH BIN EIN JAGUAR. JAGUARE KÖNNEN STILL SEIN. ABER ICH BIN AUCH TECH. UND TECH KANN LAUT SEIN."

„DAS IST—" Lucas schluckte. „DAS IST WAHR."

„JA", sagte Don Pedro. „UND ICH TRAGE EINEN SOMBRERO."

„DER SOMBRERO HILFT NICHT!"

„DOCH", sagte Don Pedro. „ER ERINNERT MICH DARAN, WER ICH BIN."

Lucas schaute auf den Jaguar. Auf seinen Hut. Auf seine Augen. Und er verstand.

„DANN GEHE ICH AUCH MIT", sagte Lucas.

„NEIN", sagte Don Pedro.

„DOCH!"

„DU KANNST NICHT STILL SEIN", sagte Don Pedro. „DU BIST MENSCH."

„UND DAS IST GUT!"

„NEIN", sagte Don Pedro. „IN DIESEM RAUM IST ES GEFÄHRLICH. WEIL MENSCHEN SCHNELLER VERGESSEN."

„ABER—""

„LUCAS", sagte Don Pedro ernst. „ICH BRAUCHE DICH HIER. OBEN. ALS STIMME."

„ALS STIMME?"

„JA", sagte Don Pedro. „WENN ICH DRINNEN BIN... UND WENN ICH STILL WERDE... DANN MUSS JEMAND MICH RÜFEN."

„RUFEN?"

„JA", sagte Don Pedro. „NICHT LAUT. SONDERN WAHR. EINE STIMME, DIE MICH ERINNERT."

„AN WAS?"

„AN MICH", sagte Don Pedro. „AN MEINEN NAMEN. AN MEINEN HUT. AN DAS, WAS ICH BIN."

Lucas schluckte. „UND WENN ICH ES NICHT SCHAFFE?"

„DANN VERGESSE ICH", sagte Don Pedro leise. „UNd ICH WERDE STILL. FÜR IMMER."

Stille. Schwerer als zuvor.

„DAS IST—" Lucas ballte die Fäuste. „DAS IST ZU GEFAHRLICH!"

„ALLES IST GEFAHRLICH", sagte Don Pedro. „ABER NICHTS ZU TUN IST NOCH GEFAHRLICHER."

„WECHSELTECHNIK?"

„NEIN", sagte Don Pedro. „WAHRHEIT."

Dr. Camila führte sie zum Eingang des Turms. Drinnen war es dunkel. Nicht schwarz. Sondern... farblos. Als hätte jemand die Farben entfernt.

„DER RAUM IST UNTEN", sagte sie. „EBENE 0. GANZ UNTEN."

„WARUM EBENE 0?"

„WEIL STILLE DER ANFANG IST", sagte Dr. Camila. „UND DER ANFANG IST UNTEN."

Der Aufzug führte nach unten. Diesmal keine Zahlen. Keine Anzeige. Nur ein Knopf. Schwarz. Ohne Beschriftung.

„SOLL ICH DRÜCKEN?", fragte Lucas.

„NEIN", sagte Don Pedro. „ICH DRÜCKE."

Er legte seine Pfote auf den Knopf. Der Aufzug begann sich zu bewegen. Langsam. Leise.

Zu leise.

„ICH FÜHLE ES", sagte Isabella plötzlich. „ES WIRD... LEISER."

„JA", sagte Don Pedro. „JE TIEFER WIR KOMMEN, DESTO STILLER."

„ICH—" Lucas hielt inne. Er wollte etwas sagen. Aber er hatte vergessen, was.

„LUCAS?", sagte Isabella. „WAS IST?"

„ICH... ICH WEISS NICHT", sagte Lucas. „ICH HABE... ETWAS VERGESSEN."

„ES BEGINNT", flüsterte Don Pedro. „VERGESSEN."

Der Aufzug hielt. Die Tür öffnete sich. Und dahinter lag... nichts.

Ein weißer Raum. Ohne Wände. Ohne Decke. Ohne Boden. Nur Weiß. Und Stille.

Don Pedro trat hinaus. Er drehte sich um. Er sah Lucas, Isabella, Dr. Camila, das Opossum, Chico, Tito. Alle standen im Aufzug. Alle begannen zu vergessen.

„GEHT ZURÜCK", sagte Don Pedro. „NACH OBEN. JETZT."

„ABER—""

„JETZT!", sagte Don Pedro. „ICH KOMME NACH. VERSPROCHEN."

Isabella zog Lucas zurück. Die Tür schloss sich. Der Aufzug fuhr nach oben.

Und Don Pedro stand allein im weißen Raum.

Es war still.

Vollkommen still.

Und er begann zu vergessen.

Erst seinen Namen. Dann seinen Hut. Dann... alles.

Aber dann... hörte er etwas. Von oben. Von weit weg. Eine Stimme.

„DON PEDRO!"

Es war Lucas.

„DON PEDRO! DU BIST EIN JAGUAR! DU TRÄGST EINEN SOMBRERO! DU ISST CHIPS! DU BIST MEIN FREUND!"

Don Pedro blinzelte. Die Worte kamen durch die Stille. Wie ein Faden durch Dunkelheit.

„ICH...", begann er. „ICH BIN..."

„DON PEDRO!", rief Lucas. „ERINNERE DICH!"

Und Don Pedro erinnerte sich. Nicht alles. Aber genug.

Er war ein Jaguar. Er trug einen Sombrero. Er hatte Freunde. Und er war nicht allein.

Und dann tat er etwas, das niemand erwartet hatte.

Er begann zu sprechen.

„ICH BIN DON PEDRO", sagte er. Laut. In die Stille hinein. „ICH BIN EIN JAGUAR. ICH TRAGE EINEN SOMBRERO. UND ICH BIN LAUT."

Die Stille zitterte.

„ICH BIN DON PEDRO! UND ICH HABE FREUNDE! UND ICH HABE EINEN HUT! UND ICH ESSE CHIPS!"

Der weiße Raum begann zu reißen. Wie Glas, das Risse bekommt.

„UND ICH BIN NICHT STILL! ICH BIN LAUT! WEIL DAS MEINE WAHL IST!"

Die Stille brach.

Nicht laut. Nicht gewaltsam. Sondern wie Eis, das in der Sonne schmilzt. Langsam. Natürlich. Und an ihrer Stelle kam... Klang. Stimmen. Leben.

Don Pedro stand im Raum. Der Raum war nicht mehr weiß. Er war... normal. Ein Raum. Mit Wänden. Mit Boden. Mit Luft.

Und er konnte sich erinnern.

Der Aufzug kam herunter. Die Tür öffnete sich. Lucas stand da. Isabella. Dr. Camila. Alle.

„DON PEDRO!", rief Lucas und umarmte den Jaguar. Was schwierig war, weil Jaguare groß sind.

„HALLO", sagte Don Pedro. „ICH HABE... ETWAS GEMACHT."

„WAS?"

„ICH WAR LAUT", sagte Don Pedro. „UND STILLE HAT VERLOREN."

„DAS IST—" Lucas lächelte. „DAS IST WAHR."

„JA", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."

„ICH HASSE DICH!"

„ICH WEISSE."

Und als sie nach oben fuhren, war Mexico City nicht mehr still. Sondern laut. Mit Musik. Mit Gesprächen. Mit Leben.

Fünf Türme. Fünf Siege. Eine Reise.

Und die Frage: Was kommt jetzt?