Die geheimnisvollen Tapeten von Amazonia City

Teil 13 – Der Morgen danach

Sechs Wochen später saß Lucas auf derselben Terrasse in Lima, die er vor wenigen Wochen verlassen hatte. Die Sonne stand genau dort, wo sie gewesen war. Aber alles andere war anders.

„Wie geht's?", fragte Isabella und setzte sich neben ihn. Sie trug eine Kaffeetasse in der Hand.

„Gut", sagte Lucas. „Eigentlich. Es ist... still."

„Stille ist gut", sagte Don Pedro vom Nachbarstuhl. „Endlich richtige Stille. Nicht gestohlen."

„Ich habe verstanden", sagte Lucas lächelnd. „Nach sechs Wochen."

„Sechs Wochen", bestätigte Don Pedro. „UND DU BIST NOCH NICHT ANGESTECKT."

„WAS?"

„EFFIZIENT", sagte das Handy auf dem Tisch.

„BITTE NICHT!"

Alle lachten. Auch das Opossum, das von der Reling hing. Auch Chico, der auf dem Rücken des Jaguars saß. Auch Tito, der auf dem Tisch bananenstückchen pickte.

„Also", sagte Isabella. „Was ist mit R?"

„R ist weg", sagte Lucas. „Keine Spur. Keine Nachricht. Nichts."

„Er hat aufgehört", sagte Don Pedro. „Und das ist genug."

„Genug?", wiederholte Lucas. „Er hat FÜNF TÜRME gebaut. ER HAT ALLE EMOTIONEN GESAMMELT."

„UND ER HAT AUFGEHÖRT", sagte Don Pedro. „WEIL ER VERSTANDEN HAT."

„Verstehen ist nicht genug", sagte Isabella leise.

„DANN WAS?", fragte Don Pedro.

Isabella schwieg eine Weile. Dann sagte sie: „Vielleicht... müssen wir ihn finden."

„FINDE?", wiederholte Lucas. „WARUM?"

„WEIL ER HILFE BENÖTIGT", sagte sie. „ER HAT SEINEN BRUDER VERLOREN. DAS KANN MAN NICHT VERAUFHOBEN."

„DANN LASSEN WIR ES", sagte Don Pedro. „JEDER HILFT SICH SELBST. WENN ER WILL."

„DAS IST—" Lucas dachte nach. „DAS IST WAHR."

Das Handy vibrierte. „NACHRICHT VON DR. CAMILA."

„WAS SAGT SIE?", fragte Isabella neugierig.

„SIE SAGT: DIE PATAWEB HAT 258 MITGLIEDER. ALLE FREI. ALLE ZURÜCKGEKEHRT. UND ALLE..."

„UND ALLE?", drängte Lucas.

„FREI", wiederholte das Handy.

„FREI?", sagte Don Pedro. „DAS IST GUT."

„DAS IST ZU GUT", sagte Lucas skeptisch.

„NEIN", sagte das Opossum plötzlich. „DAS IST GENUG."

„DANKE, OPPOSUM", sagte Isabella sarkastisch.

„BITTE WELKOM", sagte das Opossum ernsthaft.

Lucas lehnte sich zurück und schaute auf die Stadt. Lima war laut. Nicht von Maschinen. Sondern von Menschen. Kinder spielten. Händler riefen. Vögel sangen. Alles normal. Alles frei.

„Was ist mit den anderen Städten?", fragte er.

„Buenos Aires? Normal", sagte Chico. „LIMA? NORMAL. BOGOTÁ? NORMAL. MÉXICO? NORMAL."

„NORMAL?", wiederholte Lucas. „DAS KLINGT LANGWEILIG."

„NORMAL IST GUT", sagte Don Pedro. „NORMAL IST FREIHEIT."

„DAS—" Lucas hielt inne. „DAS IST WAHR."

„WECHSELTECHNIK?", fragte das Handy hoffnungslos.

„NEIN", sagte Don Pedro. „WAHRHEIT."

„ENDLICH!"

Plötzlich kam ein Windstoß über die Terrasse. Er roch nach Meer. Nach Dschungel. Nach Freiheit.

„Hast du das gespürt?", fragte Isabella.

„Ja", sagte Don Pedro. „DER WIND IST FREI."

„WIE DER WIND FREI SEIN KANN?", fragte Lucas.

„WEIL ER NICHTS FOLGT", sagte Don Pedro. „ER GEHT, WO ER WILL."

„DAS—" Lucas lächelte. „DAS KÖNNEN WIR TUN."

„JA", sagte Don Pedro. „WIR KÖNNEN."

„WO HIN?", fragte Isabella.

„WIR WISSEN NICHT", sagte Lucas. „UND DAS IST GUT."

„WISSEN NICHT?", wiederholte Chico. „DAS IST—" Er hielt inne. „DAS IST ABENTEUER."

„ABENTEUER?", sagte Tito. „ICH MAG ABENTEUER."

„ICH AUCH", sagte das Opossum. „ABER ERST FRÜHSTÜCK."

„FRÜHSTÜCK?", fragte Isabella. „ES IST SCHON 16 UHR."

„FRÜHSTÜCK IST IMMER GUT", sagte das Opossum. „WECHSELTECHNIK."

„BITTE NICHT!"

„ES IST WAHR", sagte Don Pedro. „UND ES IST EFFIZIENT."

„ICH HASSE—"

„WIR WISSEN", sagten alle gleichzeitig.

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Am Abend, als die Sonne über dem Pazifik unterging, stand Don Pedro am Strand. Allein. Mit seinem Sombrero. Und schaute auf das Wasser.

„Was denkst du?", fragte Lucas, der hinter ihm stand.

„Ich denke", sagte Don Pedro, „dass wir fertig sind."

„Fertig?", wiederholte Lucas. „Mit allem?"

„Mit dem Kampf", sagte Don Pedro. „Jetzt kommen wir zum Leben."

„Das ist—" Lucas schluckte. „Das ist schön."

„Nicht schön", sagte Don Pedro. „Wahr."

„Und wenn er zurückkommt?", fragte Lucas leise. „Wenn R wiederkommt?"

Don Pedro drehte sich um. Seine Augen waren ernst. Aber nicht ängstlich.

„Dann kämpfen wir", sagte er. „Aber nicht als Feinde. Sondern als Freunde."

„Freunde?", fragte Lucas verwirrt.

„R war nie ein Feind", sagte Don Pedro. „Er war nur verloren. Und jetzt wissen wir, wie man hilft."

„Ohne zu kämpfen?"

„Ja", sagte Don Pedro. „Indem man zuhört."

Stille. Nicht unheimliche Stille. Sondern warme Stille. Wie am Ende eines guten Tages.

„Du hast dich verändert", sagte Lucas plötzlich.

„Ich?", fragte Don Pedro. „WIE?"

„Früher hast du immer gesagt: Effizient. Wechseltechnik. Aber jetzt...", Lucas hielt inne. „Jetzt sagst du: Wahr. Freundschaft. Zuhören."

„Ich bin gelernt", sagte Don Pedro einfach.

„Gelernt?"

„Von dir", sagte Don Pedro. „Von Isabella. Von Chico. Von allen."

„Ich?", wiederholte Lucas überrascht.

„Ja", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."

„NEIN!"

„Doch", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIC."

„ICH HASSE DICH!"

„Ich weiß", sagte Don Pedro lächelnd. „Aber du bist mein Freund."

„Und ich dich", sagte Lucas. Ohne Hass. Nur mit Wärme.

Die Wellen schlugen sanft ans Ufer. In der Ferne hörte man Stimmen. Gelächter. Musik.

„Was machen wir morgen?", fragte Isabella, die sich dazugesellte.

„Nichts", sagte Don Pedro. „Oder alles."

„Was heißt das?", fragte Lucas.

„Es heißt: Wir wählen", sagte Don Pedro. „Ohne Plan. Ohne Druck. Ohne Angst."

„Das klingt..." Lucas überlegte. „Das klingt gut."

„Ja", sagte Don Pedro. „DAS IST FREIHEIT."

Und irgendwo, weit weg von hier, in einem dunklen Raum ohne Licht, saß ein Mann in weißem Anzug. Er schaute auf einen Bildschirm, der schwarz war. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren...

Lächelte er.

„Ich gebe auf", sagte er leise. „Und das ist okay."

Die Stimme im Raum antwortete nicht. Weil niemand da war.

„Wechseltechnik", flüsterte R. Und lächelte. Noch einmal. Dann wischte er den Bildschirm ab. Schalten aus. Und ging.

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Am nächsten Morgen woke Lucas auf einer Terrasse in São Paulo auf. Nicht in Lima. Nicht in Bogotá. Nicht in Mexico City.

In São Paulo. Zuhause.

„Wo sind wir?", fragte er verwirrt.

„Zuhause", sagte Isabella vom Küchenfenster. „Wir sind seit drei Tagen hier."

„Drei Tage?!"

„Ja", sagte Don Pedro vom Garten. „DU HAST GESCHLAFEN."

„WIE VIEL?"

„VIEL", sagte der Jaguar. „UND ES WAR GUT."

„WECHSELTECHNIK?"

„NEIN", sagte Don Pedro. „SCHLAFEN."

„ENDLICH!"

Der Capybara kam herein und brachte eine Banane. „FRÜHSTÜCK."

„ICH HABE SCHON GEFROSCHT!", rief das Opossum vom Fensterbrett.

„DAS MACHT NIX", sagte der Capybara. „BANANE IST IMMER GUT."

„WECHSELTECHNIK?"

„NEIN", sagten alle fünf gleichzeitig.

„ENDLICH EINVERSTÄNDNIS!"

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Am Abend desselben Tages saßen sie alle auf der Dachterrasse ihres Apartments in São Paulo. Die Stadt lag unter ihnen. Hell. Laut. Lebendig.

„Was kommt jetzt?", fragte Tito.

„Wir wissen nicht", sagte Lucas.

„Das ist gut", sagte Don Pedro.

„Warum gut?", fragte Chico.

„Weil es bedeutet: Wir wählen", sagte Don Pedro. „Ohne Plan. Ohne Angst. Ohne Kontrolle."

„Und wenn wir falsch wählen?", fragte Isabella.

„Dann lernen wir", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."

„BITTE NICHT!"

„Es ist wahr", sagte Don Pedro und lächelte. „UND DAS IST WAHR."

Und in der Ferne, über der Stadt, zogen Sterne vorbei. Nicht von Maschinen. Sondern von Natur. Frei. Ungesteuert.

„Das war unsere Reise", sagte Lucas leise.

„Eine Reise", korrigierte Don Pedro. „Nicht die einzige. Aber die wichtigste."

„Wichtigste?", wiederholte Isabella.

„Ja", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNIK."

„NEIN!"

„Doch", sagte Don Pedro. „WECHSELTECHNI—"" Er hielt inne. Und lächelte. „Nein. Wahre."

„DAS IST—" Lucas seufzte. Dann lächelte er auch. „Dann ist es wahr."

Und alle saßen da. Mensch und Tier. Freund und Freund. In der Stille, die nicht genommen wurde. Sondern gewählt wurde.

Das Ende der Reise.

Der Anfang vom Leben.

WECHSELTECHNIK?

NEIN.

FREIHEIT.

UND DANN?

DANN LEBEN.