Die Jahreszeitenmaschine

Teil 1 – Der Garten, der atmete

Im Jahr 2050 gab es in Tokio keine Jahreszeiten mehr. Nicht wirklich. Die Stadt hatte eine Technologie entwickelt, die man Shiki nannte – benannt nach dem alten japanischen Wort für die vier Jahreszeiten. Shiki war ein atmosphärisches System, das über der Stadt schwebte wie ein unsichtbarer Teppich und perfekte Tage herstellte.

Jeden Tag 22 Grad. Jeden Tag leichter Wind. Jeden Tag ein sanfter Rosé-Himmel, der aussah wie ein Wasserfarbenbild, das nie trocknete. Keine Taifune. Keine drückende Sommerhitze. Keine Kirschblüten, die zu schnell fielen. Stattdessen: kontrollierte Blüte. Die Sakura blühte das ganze Jahr über, an elektronischen Bäumen, die entlang der Hauptstraßen standen. Sie dufteten nach nichts.

Niemand fand das merkwürdig. Außer Yuki.

Yuki war fünfzehn, klein für ihr Alter, mit schwarzen Haaren, die sie immer mit einer alten Haarnadel hochsteckte – einem Geschenk ihrer Urgroßmutter. Sie wohnte in einem kleinen Apartment in Yanaka, einem der wenigen Viertel, in dem noch alte Holzhäuser standen. Überall sonst war Tokio eine Stadt aus Glas, Licht und gleißendem Weiß geworden.

An diesem Morgen – wenn man es Morgen nennen konnte, denn Shiki kannte keine Morgendämmerung, nur einen schrittweisen Helligkeitsanstieg – saß Yuki auf ihrem Balkon und aß Onigiri, den sie selbst geformt hatte. Ihr Reis war nicht vom Shiki-Verteiler gekommen, sondern von einem alten Laden um die Ecke, der noch echten Reis verkaufte. Der Besitzer, Ojii-san, war über neunzig und weigerte sich, elektronische Lebensmittel zu akzeptieren.

„Echter Reis schmeckt nach Regen", sagte er immer.

Yuki wusste nicht, was Regen schmeckte. Aber der Reis war gut.

Neben ihr saß Tama, ihr Tech-Tanuki. Tanukis waren Marderhunde – kleine, runde Tiere mit maskenartigen Gesichtern und buschigen Schwänzen. Tama war weiß mit braunen Flecken und hatte einen Chip an seinem Halsband, der leise violett pulsierte. Wie alle Tech-Tiere konnte er sprechen.

„DU HAST WIEDER NICHT GESCHLAFEN", sagte Tama und legte die Pfote auf Yukis Knie.

„Doch", sagte Yuki. „Drei Stunden."

„SHIKI EMPFIEHLT ACHT."

„Shiki empfiehlt vieles."

Tama richtete seine Ohren auf. Sein Chip flackerte. „ICH SPÜRE ETWAS."

„Was?"

„LUFT. ABER... ANDERS."

Yuki runzelte die Stirn. „Anders wie?"

„FEUCHT", sagte Tama. „ECHT FEUCHT."

Yuki hielt inne. Feuchtigkeit gab es in Tokio nicht mehr. Shiki regulierte die Luftfeuchtigkeit auf exakt 45 Prozent. Immer. Überall. Feuchtigkeit bedeutete Schimmel, Bakterien, Chaos. Shiki mochte kein Chaos.

„Woher kommt die Feuchtigkeit?", fragte sie.

Tama schnüffelte. Sein Chip pulsierte schneller. „VON UNTEN. AUS DER ERDE."

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Yuki kannte den Untergrund von Yanaka. Unter dem Viertel lag ein altes Labyrinth aus Kellern, Tunneln und Schächten, die aus der Zeit vor Shiki stammten. Ihre Urgroßmutter hatte ihr davon erzählt – von einem Tokio, das aus Gassen und Geheimnissen bestand, nicht aus Glas und Algorithmen.

„Es gibt einen Garten", hatte ihre Urgroßmutter gesagt. „Tief unten. Er atmet."

„Ein Garten atmet nicht", hatte Yuki geantwortet.

„Dieser schon", hatte die alte Frau gesagt und gelächelt. „Er wartet auf jemanden, der ihm zuhört."

Yuki hatte das für ein Märchen gehalten. Bis jetzt.

„Tama", sagte sie. „Kannst du den Ursprung spüren?"

„ICH KANN ES VERSUCHEN", sagte Tama und schloss die Augen. Sein Chip leuchtete blau, dann grün, dann – was neu war – golden. „JA. ES IST DA. EIN GARTEN. UNTER DER SCHULE."

„Unter der Schule?"

„JA. DER ALTEN SCHULE. YANAKA-CHŪO."

Yuki stand auf. „Dann gehen wir."

„JETZT?", fragte Tama. „ES IST NOCH MORGEN."

„Genau", sagte Yuki. „Morgens sind die Shiki-Sensoren am schwächsten. Sie kalibrieren sich zwischen sieben und acht Uhr."

„WOHER WEISST DU DAS?"

„Von Papa", sagte Yuki leise. „Bevor er verschwand."

Tama wurde still. Yukis Vater, Kenji, war Shiki-Ingenieur gewesen. Vor drei Jahren war er verschwunden. Keine Nachricht. Keine Spur. Nur eine Notiz auf seinem Schreibtisch: „Die Jahreszeiten lügen nicht. Sucht den Garten."

Shiki hatte den Fall als „Arbeitsunfall" eingestuft. Akte geschlossen.

Aber Yuki hatte nie aufgehört zu suchen.

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Die alte Yanaka-Chūo-Schule stand am Ende einer Gasse, die so eng war, dass Shiki-Sensoren sie kaum erreichten. Das Gebäude war aus Holz – dunkel, gebogen, alt. Es roch nach Regen, obwohl es nicht regnete.

„HIER", sagte Tama. Sein Chip pulsierte golden. „UNTER UNS."

Yuki suchte nach einem Eingang. Die Kellertür war verschlossen – aber nicht elektronisch. Mit einem echten Vorhängeschloss. Rostig. Alt.

„Das ist nicht von Shiki", flüsterte sie.

„NEIN", sagte Tama. „DAS IST VON MENSCHEN."

Yuki zog die Haarnadel aus ihrem Haar. Sie war lang, dünn und aus Metall – nicht synthetisch. Sie steckte sie ins Schloss. Drehte. Klickte.

„Du kannst Schlösser knacken?", fragte Tama.

„Urgroßmutter hat es mir beigebracht", sagte Yuki. „Sie sagte, man braucht kein Internet, um Türen zu öffnen. Nur Geduld."

Die Kellertür knarrte. Dahinter lag Dunkelheit. Und ein Geruch, den Yuki nie zuvor wahrgenommen hatte. Erdig. Feucht. Grün.

„Das riecht wie...", begann sie.

„WIE LEBEN", sagte Tama. „ECHTES LEBEN."

Sie stiegen hinab. Die Treppen waren aus Stein, uneben, mit Moos an den Rändern. Echtes Moos. Grün. Nass. Lebendig.

Je tiefer sie kamen, desto mehr veränderte sich die Luft. Sie wurde schwerer, wärmer, voller. Yukis Haut prickelte. Es war nicht unangenehm. Es war, als würde die Luft sie begrüßen.

Und dann standen sie davor.

Der Garten.

Es war kein normaler Garten. Es war eine Höhle – riesig, mit einer Decke, die so hoch war, dass sie im Dunkeln verschwand. Aber sie war nicht dunkle. In der Mitte wuchs ein Baum. Ein echter Baum. Groß, knorrig, mit Blättern, die leuchteten. Nicht elektronisch. Sondern biolumineszent. Wie Glühwürmchen, die in Blättern wohnten.

Um den Baum herum wuchsen Pflanzen, die Yuki nur aus Büchern kannte. Farne. Moose. Blumen, die sie nicht benennen konnte. Und über allem – ein Himmel. Ein kleiner, runder Himmel, der durch eine Öffnung in der Decke führte. Und durch diesen Himmel...

„Regen", flüsterte Yuki.

Es regnete. In der Höhle. Echter Regen. Wassertropfen fielen vom Himmel und trafen die Blätter, den Baum, die Erde. Es klang wie Musik. Wie ein Lied, das die Welt vergessen hatte.

Yuki streckte die Hand aus. Ein Tropfen traf ihre Handfläche. Kalt. Nass. Wirklich.

„ICH KANN ES FÜHLEN", sagte Tama leise. Sein Chip war ausgegangen. Nicht kaputt. Sondern still. Als brauche er die Technik nicht mehr.

„Tama?", sagte Yuki. „Geht es dir gut?"

„JA", sagte Tama. „ABER... ANDERS. ICH HÖRE ETWAS."

„Was?"

„DEN BAUM. ER SPRICHT."

Yuki schaute zum Baum. Seine Rinde war alt, tief gefurcht. In der Mitte des Stammes war eine Öffnung – wie ein Mund. Und aus ihr kam ein Ton. Tiefe. Langsam. Wie Atmen.

Der Baum atmete.

„Urgroßmutter hatte recht", flüsterte Yuki. „Er atmet."

Sie trat näher. Und als sie den Baum berührte, geschah etwas. Ein Bild erschien in ihrem Kopf. Kein Traum. Keine Halluzination. Sondern eine Erinnerung, die nicht ihre eigene war.

Sie sah Tokio. Vor fünfzig Jahren. Mit echten Jahreszeiten. Kirschblüten, die im Wind tanzten. Sommerhitze, die die Luft flimmern ließ. Herbstlaub in Rot und Gold. Schnee, der die Straßen bedeckte.

Und sie sah einen Mann. Jung. Mit einem Schreibtisch voller Pläne. Er baute etwas. Nicht Shiki. Etwas anderes. Etwas, das die Jahreszeiten beschützen sollte.

„Das ist...", flüsterte Yuki.

„DEIN VATER?", fragte Tama.

„Nein", sagte Yuki. „Jüngere. Aber... er sieht aus wie Papa."

Das Bild verschwand. Yuki stand am Baum, atmete schwer. Der Regen fiel weiter. Und in der Rinde des Baumes erschienen Worte. Eingeritzt. Alt. Auf Japanisch.

„Wer den Garten findet, findet die Jahreszeiten. Wer die Jahreszeiten findet, findet die Wahrheit. Aber Vorsicht: Shiki schläft nicht."

Yuki las die Worte zweimal. Dann sagte sie:

„Papa hat diesen Garten gefunden. Und dann ist er verschwunden."

„JA", sagte Tama.

„Dann müssen wir ihn finden."

„ABER SHIKI—""

„Shiki schläft nicht", sagte Yuki. „Aber wir auch nicht."

Über ihnen, in der Stadt, veränderte sich der Himmel. Für eine Sekunde – nur eine – flackerte das perfekte Rosa des Shiki-Himmels. Und darunter, ganz kurz, erschien ein Streifen Grau. Echte Wolke. Echtes Wetter.

Niemand sah es. Niemand außer einem alten Mann namens Ojii-san, der in seinem Laden stand und echten Reis verkaufte. Er schaute zum Himmel, lächelte und sagte:

„Na endlich."

Der Garten ist gefunden. Die Wahrheit wartet.

Und Shiki hat zum ersten Mal gezuckt.