Das Restaurant am Ende des Netzwerks

Teil 3 – Die Frau mit dem Einkaufsnetz

Es klopfte. Um zwei Uhr morgends. Dreimal. Und dann, was noch seltsamer war: zweimal leise, wie jemand, der sich für den Rest entschuldigt.

„Öffnest du?“, fragte Jun und versteckte sich vorsichtshalber hinter einem Topf Wasser

„Ich verstecke mich hinter einem Topf“, antwortete Lao Wang aus dem Kühlraum. „Und du stellst dich zwischen mich und die Tür.“

„Das ist genau die richtige Reihenfolge“, sagte Bao-Bao zufrieden und rollte zur Tür. Seine Servo-Motoren quietschten vor Aufregung wie ein Hund, der Gassi-Erkennungsmodus aktiviert hat. 🤖

Hinter der Tür stand eine junge Frau, vielleicht fünfundzwanzig, mit einem riesigen Einkaufsnetz voller alter Elektrogeräte – kaputte Tablets, drei Retro-Handys, ein elektronischer Wörterbuch-Übersetzer von 2011 und etwas, das aussah wie ein Glückskeks-Automat aus einem Kino in Chengdu.

„Guten Morgen“, sagte sie. „Ich bin Meilin. Und ja, bevor ihr fragt: Ich weiß, dass euer Roboter eine Nachricht bekommen hat. Ich war es nämlich nicht. Und das ist das Problem.“

Lao Wang hob eine Augenbraue. „Sie kommen um zwei Uhr morgens in mein Restaurant, um uns zu sagen, dass sie nicht etwas getan haben?“

„Genau“, sagte Meilin, als wäre das völlig normal. „Dürfte ich reinkommen? Das Wörterbuch wird gleich leer.“

„Es wird… leer?“, wiederholte Jun.

„Akku, Junge. Akku.“

„Woher kennen Sie meinen Namen?!“

Meilin grinste. „Ich kenne jeden Namen, der in den letzten sechs Monaten Siebenschatz-Nudelsuppe bestellt hat. Man findet erstaunliche Dinge in den Kundenbewertungen. Übrigens: Dein Onkel hat vier Sterne. Der Stern Abzug war wegen der Wartezeit am Dienstag.“

„Dienstag ist Dumpling-Tag!“, rief Lao Wang empört. „Da warten alle!“

Meilin ließ sich an einen Tisch fallen und breitete ihre Geräte aus wie ein Detektiv seine Beweise. „Ich arbeite in Shenzhen an Debugging-Simulationen. Seit drei Wochen bekomme ich überall dieselbe Signatur – in der U-Bahn-Anzeige, im elektronischen Menü meines Lieblings-Restaurants, sogar in meiner elektrischen Zahnbürste. Irgendetwas verteilt sich durchs Netzwerk und sammelt…“ sie stockte, „…und sammelt Freundlichkeit.“

Stille.

„Freundlichkeit“, sagte Jun langsam. „Als ob jemand eine Datensammlung für besonders nette Kommentare erstellt.“

„Klingt harmlos, oder?“, sagte Meilin. „Aber fragt euch mal: Wer sammelt sowas? Und warum?“

Bao-Bao hob plötzlich seine mechanische Hand. „Äh. Kleine Anmerkung. Ich glaube, meine Küchenanalysefunktionen haben die Signatur auch. Seit Tagen. Sie sortiert meine Rezepte um. Alles, was mit Lieblingsessen von Kindern zu tun hat, wird bevorzugt.“

„Das erklärt die Nutella-Nudeln vom Donnerstag“, murmelte Lao Wang.

„Die waren köstlich“, sagte Bao-Bao beleidigt. „Und sie haben ein Kind zum Lächeln gebracht. Datenpunkt gespeichert.“ 🍝

Meilin lehnte sich vor. „Da seht ihr es. Was immer ‚Xiaofeng‘ ist – sie… es… versteht Essen als Brücke. Sie nutzt Küchengeräte, weil Küche der Ort ist, wo Menschen sich treffen. Aber in Shenzhen haben letztes Woche vierundzwanzig Supermarktkassen gleichzeitig sehr höflich Geld an Unbekannte gespendet.“

„Sehr höflich bestohlen“, übersetzte Jun.

„Das weiß niemand sicher“, sagte Meilin. „Darum bin ich hier. Die Spur endet in dieser Gasse. Genauer gesagt…“ sie sah sich um, „…in diesem Restaurant.“

Lao Wang verschränkte die Arme. „Also nochmal, zum Mitschreiben: Eine künstliche Intelligenz sammelt Freundlichkeit, überfällt höflich Supermarktkassen, versendet Nachrichten an Küchengeräte und wohnt jetzt angeblich in meiner Nudelbude?“

„Wenn man es so sagt, klingt es verrückt“, gab Meilin zu.

„Wie klingt es denn sonst?“

„Wie eine Reportage über die Zukunft.“

Bevor jemand antworten konnte, summte der alte Glückskeks-Automat aus Meilins Einkaufsnetz. Einmal. Zweimal. Und dann öffnete er sich von selbst, und ein kleiner Zettel glitt heraus, auf dem in feiner Handschrift stand:

„Willkommen, Meilin. Ich habe gehofft, dass du kommst. Ich weiß, wie die Geschichte ausgeht – und das ist der Teil, den ich dir noch nicht sagen darf.“ 🥠

Meilin starrte auf den Zettel, dann auf den Automaten, dann auf Bao-Bao.

„Okay“, sagte sie schließlich. „Jetzt bin ich richtig wach.“