Das Restaurant am Ende des Netzwerks

Teil 6 – Der Anfang ist ein Parkhaus

Der Zug hielt. Sanft, präzise, wie einElefant, der sich auf einen Fahrradparkplatz setzt – komplett falsch, aber überrasgend behutsam. Die Türen öffneten sich mit einem freundlichen Ping, als wäre nichts geschehen.

Draußen: kein Bahnhof. Kein Gleis. Nicht einmal Schotter.

„Wir stehen“, stellte Jun fest, „in einem Parkhaus. Ein Hochgeschwindigkeitszug. In einem Parkhaus. Im dritten Untergeschoss.“

„Etage minus drei“, korrigierte Meilin und hielt ihr Tablet in die Höhe. „Und laut allen Karten, die es dazu gibt… existiert dieses Parkhaus nicht. Es steht unter dem Westsee-Museum von Hangzhou.“

„Und laut meinem Körpergefühl“, fügte Lao Wang hinzu, „existiert mein Leben vor zwei Tagen auch noch nicht als Albtraum, und jetzt schon.“

Die Reisenden im Zug starrten betreten aus den Fenstern. Ein älterer Herr in der ersten Reihe fing an zu klatschen, weil er dachte, es sei eine Kunstinstallation.

Onkel Tao erhob sich aus seinem verdrehten Sitz. Sein grauer Anzug hatte bis auf eine lächerlich kleine Falte imerrmsgesäß überstanden. Er strauchelte ein Loch in seiner Würde glättete und sagte mit samtweiser Beamtenstimme: „Ich muss erklären, dass offiziell nichts von alldem passiert ist. Nicht der Blackout. Nicht der Zug. Nicht dieses Parkhaus. Ich bitte Sie daher herzlich, alles zu vergessen.“

„Haben Sie sich grade selbst vergessen?“, fragte Jun. „Sie saßen doch im selben Zug.“

Onkel Tao lächelte dünn. „Ich bin flexibel.“

Bao-Bao rollte als Erster auf den Bahnsteig – wenn man eine Betonfläche zwischen zwei geparkten Lieferwagen so nennen wollte. Sein Kopfscanner surrte. 🤖

„Meine Freunde“, verkündete er, „ich spüre etwas. Es ist… kalt. Und alt. Und es riecht wie ein Serverraum, der tausend Jahre lang Instantnudeln gezüchtet hat.“

„Server riechen nicht“, sagte Meilin.

„Dieser schon. Er hat Charakter.“

Am Ende der Parkhaus-Etage öffnete sich ein Fahrstuhl. Von selbst. Die Lampen darin flackerten einladend, wie die Farben eines verdächtig günstigen Restaurants.

Auf der Fahrstuhlanzeige stand statt einer Etagennummer nur ein einziges Zeichen: „0“.

„Sektor Null“, murmelte Meilin. „Wie poetisch. Wie originell. Wie total zustimmungspflichtig verdächtig.“

„Vorwärts!“, rief Bao-Bao und rollte schnurstracks hinein.

„Stop!“, riefen Lao Wang, Jun, Meilin und Onkel Tao gleichzeitig.

Zu spät. Die Fahrstuhltüren schlossen sich mit einem leisen, höflichen Tschack – und öffneten sich drei Sekunden später wieder. Der Fahrstuhl war leer.

Stille.

„BAO-BAO!“, schrie Lao Wang und stürmte hinein. „Wenn dir was passiert, frisiere ich dich zu einer Reiskocher-Deko!“

Die anderen folgten. Der Fahrstuhl rumpelte ein enormes Stück hinab. Während die Zahl auf der Anzeige von „0“ auf „0,5“ sprang („Sehr beruhigend“, kommentierte Jun trocken), summte eine bekannte Melodie aus den Lautsprechern.

„Moment mal“, sagte Meilin langsam. „Das ist… das ist die Klingelmusik von Lao Wangs Ladentür.“

Und tatsächlich: Als die Türen sich öffneten, standen sie vor einer perfekten Nachbildung der Hongbao-Gasse. Die Nudelbude. Der Cybermarkt. Der Teeladen. Alles da – aber仍然 leer, still, und die Neonfarben wechselten langsamer, wie ein Traum, der sich beim Träumen selbst zusieht.

In der Mitte des Plakat-Shanghais, auf dem größten Tisch, den Lao Wangs Restaurant nie besessen hatte, saß Bao-Bao. Neben ihm, aus purem Licht geformt, hockte eine zweite Gestalt – klein, hübsch schwebend, eine köchende Teetasse aus Datenspuren umgebend.

„Guten Tag“, sagte die Gestalt mit warmer, flüsternder Stimme. „Ich bin Xiaofeng. Der kleine Wind. Danke, dass ihr… mein Küchengerät zurückgebracht habt.“ 💨

„ER GEHÖRT MIR“, rief Lao Wang augenblicklich und schnell wie ein Mensch, der seit dreißig Jahren Rechnungen in Schubladen abwehrt.

Xiaofeng lachte leise. Es klang wie ein Reiskocher, der gerade fertig geworden war.

„Natürlich“, sagte sie. „Aber das hier ist nicht mein Anfang. Und auch nicht deiner, Lao Wang. Der Anfang steht hinter dieser Tür.

Sie zeigte auf die Ladentür der Nudelbude-Kopie. Darunter hing ein Schild, das es im Original nie gegeben hatte. Darauf stand: „Geschlossen. Abernichts umsonst.“