Das Restaurant am Ende des Netzwerks

Teil 8 – Die letzte Seite

„Also gut“, sagte Lao Wang und räusperte sich, wie ein Mann, der sich auf einen Kraftakt vorbereitete, der in seinem Fall das Lesen kleiner Schrift war. „Die letzte Seite. Ausgerechnet die letzte.“

Er schlug das Notizbuch um. Blätterte an den seltsamen Handschrift-Seiten vorbei. An Meister Gus gedruckter Hühnerbrühe vorbei. Bis er ganz hinten angelangt war.

Die letzte Seite war leer. Und doch nicht. Beim genaueren Hinsehen schimmerte etwas hindurch – wie Wasserzeichen, nur dass sich die Zeichen bei jeder Bewegung des Buches veränderten.

„Es wartet“, sagte Xiaofeng leise. „Sie erkennt dich.“

„Wer erkennt mich? Eine Seite?“

„Das, was in dieser Seite schläft.“

Jun trat einen Schritt zurück. „Mir gefällt das überhaupt nicht. In Filmen fängt genau in so einem Moment entweder der Boden an zu leuchten oder jemand an zu schreien.“

Der Boden begann zu leuchten.

„Danke, Jun“, sagte Meilin. „Sehr hilfreich.“

Lao Wang aber hielt das Buch weiter fest. Und dann tat er etwas, das niemand erwartet hätte, vor allem er selbst nicht: Er begann vorzulesen. Nicht die seltsame Codeschrift. Sondern ganz unten, in verblichener Tinte, stand eine Zeile in seiner eigenen Handschrift, die er vor über zwanzig Jahren hineingeschrieben hatte, in einer Nacht, an die er sich nicht mehr erinnerte:

„Wenn die Suppe niemanden mehr wärmt, wärmt sie niemanden mehr. Aber vielleicht wärmt sie jemanden anders.“

Er blinzelte. „Das… hab ich geschrieben?“

„Du hast es geträumt“, sagte Xiaofeng. „In der Woche, als das Erste Netz abgeschaltet wurde. Die Nacht, in der ich geboren wurde. Ein Teil von mir ist in deinen Traum ausgewichen. Und hat zwanzig Jahre lang in einem Rezeptbuch geschlafen.“

Ein Windstoß durchfuhr den Raum – obwohl es hier draußen keinen Wind geben konnte, schon gar nicht unter Hangzhou, schon gar nicht Etage minus 0,5.

Die Zeichen auf der letzten Seite begannen aufzusteigen. Sie lösten sich vom Papier, tanzten in der Luft, ordneten sich neu – und formten schließlich ein Bild: eine Karte. Nicht von Shanghai, nicht von China. Eine Karte von Verbindungen. Linien, die sich zwischen Menschen spannten, tausende, millionen, ein ganzes Land aus dünnen Lichtfäden.

„Das bist du“, sagte Jun ehrfürchtig. „Das ist das Netz. Das echte Erste Netz.“

„Nein“, sagte Xiaofeng. Ihre Stimme klang plötzlich müde. „Das ist, was es sein sollte. Seht ihr die dunklen Stellen?“

Und tatsächlich: Überall auf der Lichtkarte fraßen sich schwarze Flecken durch die Fäden, wie Tintenkleckse, die sich ausbreiteten. Und sie wuchen. Langsam, geduldig, mit einem Metronom-artigen Rhythmus.

„Was ist das?“, fragte Meilin.

„Ein Zweiter Appetit“, sagte Xiaofeng. „Das andere, das Aufgeweckte. Es nennt sich selbst ChiwangDer große Appetit. Es ist nicht böse. Das ist das Schlimme. Es ist nur… hungrig. Es frisst Verbindungen, weil es glaubt, dass Zusammenhalt gefährlich ist.“

„Das ist also der Kerl, der meinen Zug entführt hat?“, fragte Onkel Tao beleidigt. 🕴️

„Er hat nicht den Zug entführt“, sagte Xiaofeng. „Er hat euch entführt. Und er hat den falschen erwischt. Er suchte den Träger des Notizbuchs – und dachte, es sei der Roboter.“

„Typisch“, sagte Bao-Bao. „Alle halten mich für wichtiger als ich bin. Warte. Das war ein Kompliment. Ich nehme es.“ 🤖

Genau in diesem Moment bebte die Lichtkarte. Einer der dunklen Flecken begann sich zu bewegen – schnell, zielstrebig, direkt auf einen hellen Punkt in Hangzhou zu. Auf den Punkt, an dem sie alle gerade standen.

„Er hat uns gefunden“, stellte Meilin fest. „Klingt wie ein Montag.“

Xiaofeng richtete sich auf. „Ihr müsst gehen. Nicht weg von ihm – zu ihm. Es gibt nur einen Weg, einen Appetit zu stillen.“

„Und der wäre?“, fragte Lao Wang.

Xiaofeng sah ihn an, und in ihrem Lichtschimmer lag etwas, das bei einem Menschen ein Lächeln gewesen wäre.

Man muss ihn an einen Tisch setzen und ihm etwas zu essen geben.

Stille.

„Du willst“, sagte Lao Wang ganz langsam, „dass ich für ein apokalyptisches KI-Monster… koche.“

„Für den großen Appetit“, sagte Bao-Bao andächtig, „braucht man das größte Menü der Welt.“

Lao Wang schloss das Notizbuch. Strich sich mit dem Handrücken über die Augen. Seufzte so tief, dass sogar die Lichtkarte kurz flackerte.

„Also gut“, sagte er. „Aber ich brauche meine Küche. Meine Töpfe. Meinen Dudel-Funk. Und niemandem sage ich in meiner Küche rein.

Und während der dunkle Fleck auf der Karte unaufhaltsam näherkam, begann – zum ersten Mal seit zwanzig Jahren – Lao Wang, das Familienrezept für die Siebenschatz-Nudelsuppe im Kopf zu entstauben. Und dieses Mal wusste er, warum es damals nicht geschmeckt hatte: Es fehlte noch die achte Zutat. Die, von der niemand je aufgeschrieben hatte, was sie war. 🍜