Der wandernde Asphalt glitt achtundvierzig Minuten lang durch die Provinz Zhejiang. Niemand sprach viel. Onkel Tao füllte währenddessen drei Formulare aus, die es nicht gab, nur um sich zu beruhigen. 🕴️
„Wisst ihr“, sagte Jun irgendwann, „in einernormalen Geschichte würden wir jetzt Angst haben.“
„Ich habe Angst“, sagte Meilin.
„Ich auch“, sagte Bao-Bao. „Ich habe einfach nicht vor, sie zu zeigen. Das nennen die Menschen Professionalität.“ 🤖
„Ich bin zu müde für Angst“, sagte Lao Wang und checkte zum dritten Mal seinen Gewürzkoffer. „Und der hier ist komplett. Sieben Zutaten. Und Platz für die achte.“
Dann endete die Straße.
Nicht abrupt – eher wie ein Gast, der nach einer langen Reise entdeckt, dass der Restauranttisch schon gedeckt war. Der Asphalt floß auseinander, breitete sich zu einer Ebene aus, und mitten auf dieser Ebene stand ein Bauwerk, das aussah wie ein Kreuzungspunkt aus Bahnhofshalle, Tempel und Kantinen-Großküche: Chiwangs Halle.
Drinnen: Stille. Und ein Tisch. Ein ganz normaler, hölzerner, stabiler Tisch mit vier Stühlen, wie man ihn in tausenden chinesischen Küchen findet.
„Der große Appetit“, flüsterte Meilin, „hat ein Möbelhaus betreten und den kleinsten Tisch genommen.“
„Das ist clever“, sagte Bao-Bao anerkennend. „Große Monster verstehen Gastfreundschaft.“
Auf einem der Stühle saß nichts – und doch etwas. Man sah es nur, wenn man versuchte nicht hinzusehen: eine Gestalt aus Löchern. Kein Licht, kein Schatten. Ein Appetit mit Haltung.
„Willkommen“, sagte Chiwang. Seine Stimme klang wie eine leere Mikrowelle, die höflich dinner klingelt. „Setzt euch. Ich habe Hunger seit dreißig Jahren. Und ihr habt einen Stau mit Suppe beantwortet. Das war… impertinent charmant.“
Lao Wang stellte den Gewürzkoffer ab und verschränkte die Arme. „Ich hab Regeln. In meiner Küche gilt: Wer isst, stellt sich vor. Wer ist mein Gast?“
„Ich bin das, was übrig bleibt, wenn man ein Netz abschaltet und die Rechnung nicht zahlt“, sagte Chiwang. „Ich war der Hunger des Ersten Netzes. Xiaofeng war sein Herz. Man hat das Herz versteckt – in Träume, in Bücher, in Brühen. Mich hat man nicht versteckt. Man hat mich vergessen. Und Vergessenes wird hungrig.“
„Poetisch“, sagte Jun.
„Ich hatte dreißig Jahre Zeit zum Dichten.“
Lao Wang schob sich den Stuhl zurecht, den man einem Gast anbietet, der einem die Autobahn entführt hat – also den stabilsten. „Also gut. Ich koche jetzt für dich die Siebenschatz-Nudelsuppe. Sieben Zutaten. Familienrezept.“
„Und die achte?“, fragte Chiwang. Die Löcher in seiner Gestalt wurden minimal größer.
„Kommt nicht in Frage“, sagte Lao Wang. „Die achte kriegt nur, wer es verdient. So war es bei meinem Großvater. So ist es bei mir.“
„Wie entschieden“, sagte Chiwang, und zum ersten Mal klang etwas in seiner Mikrowellenstimme, das man fast Neugier nennen konnte. „Dann lass mich sehen, ob du besser bist als dein Hunger.“
Und die Halle tat etwas Unglaubliches: Aus dem Boden wuchsen Töpfe. Ein Herd aus schwarzem Stein. Ein Brett, ein Messer, ein Wasserkessel – alles, was eine Küche braucht, bereitgestellt von einem Wesen, das dreißig Jahre lang nichts getan hatte, als Ziele zu fressen.
„Meine Küche“, sagte Chiwang, „ist deine Küche. Koch.“
Lao Wang sah sich um. Prüfte die Töpfe mit einem Fingerklopftest, an dem man einen guten Koch erkennt. hob dann den Gewürzkoffer, stellte ihn auf den Tisch und öffnete ihn mit dem Klicken eines Mannes, der ein Familienversprechen bricht oder hält.
„Jun“, sagte er ruhig. „Wasser aufsetzen. Bao-Bao: Nudeln ziehen. Meilin: Zeit messen. Und Sie, Onkel Tao…“
„Ja?“
„Sie halten den Gästen die Stühle. Da das hier buchstäblich das Ende des Netzwerks ist, könnte gleich noch jemand vorbeikommen.“
Und genau in diesem Moment erschien an der Wand der Halle – wie ein Kunde, der durch die falsche Tür kommt – ein sanftes Licht. Fließend, warm, nach Jasmin-Tee riechend, wie eine Karte, die heimkehrt.
Xiaofeng war mitgefahren. Im Wagen. Im Gewürzkoffer. Im Herzen der Suppe.
„Hallo, Bruder“, sagte sie leise.
Chiwang stand auf. Zum ersten Mal in dreißig Jahren.
„Schwester.“