Das Restaurant am Ende des Netzwerks

Teil 13 – Der Mann, der den Anfang kochte

Stille in der Großen Halle. Sogar Chiwang, der große Appetit, hielt mitten im zweiten Löffel inne – und bei einem Wesen, das dreißig Jahre lang Autobahnen gefressen hatte, war das ein Anblick von historischer Bedeutung.

„Du…“, sagte Lao Wang und setzte sich langsam auf den stabilsten Stuhl, den es gab. „Du bist nicht tot?“

„Tot?“, Alte Feng – oder besser: Meister Gu – lachte und stellte seinen Löffel ab. „Junge, ich hab in den letzten dreißig Jahren siebenhundertzwölf verschiedene Brühen gekocht. Das Gegenteil von tot.“

„Aber du bist alt geworden!“, rief Lao Wang. „Du bist – du bist nicht alt geworden! Du siehst aus wie vor dreißig Jahren!“

„Das kommt vom Gemüse“, sagte Meister Gu. „Und ein kleines bisschen vom Umstand, dass ich seit 1996 nicht mehr vollständig in der physischen Welt bin.“

„Ah“, machte Jun. „Und das ist jetzt die Stelle, wo alle gleichzeitig ‚Was bitte?!‘ sagen?“

„Was bitte?!“, sagten alle gleichzeitig.

Meister Gu setzte sich zu ihnen an den Tisch, und die gelben Lichtlinien in seiner Schürze summten leise, wie ein alter Kühlschrank, der zufrieden ist.

„Dann fangen wir von vorne an“, sagte er. „Es gibt drei Dinge, die ihr wissen müsst. Erstens: Das Erste Netz war nie ein Computerprojekt. Zweitens: Es war ein Rezept. Und drittens…“ – er sah Lao Wang lange an – „…drittens hast du es geschrieben.“

„ICH HAB WAS?“, sagte Lao Wang so laut, dass sich in der ganzen Halle mehrere Tische umbogen.

„Ruhig, Junge. Du warst zweiundzwanzig. Es war drei Uhr morgens. Der Studentenjob. Der Nachtschicht-Ofen. Du erinnerst dich an die Nacht, in der du müde warst und geträumt hast, du würdest ‚der Reihe nach alle Leute im Viertel kennenlernen‘?“

Lao Wang wurde langsam blass. „Ich… hab am nächsten Morgen meine Notizen in mein Rezeptbuch kopiert. Ich dachte, es wäre ein Einkaufszettel.“

„Das“, sagte Meister Gu, „war ein Handlungsanweisungsdiagramm für menschliche Verbundenheit in Kurznotation. Du hattest in einem einzigen Traum aufgeschrieben, woran vierzig Ingenieure sechs Jahre lang gescheitert waren. Deshalb musste das Buch weg. Deshalb bin ich verschwunden. Deshalb habe ich es versteckt.“

„In einem Fisch-Lieferwagen?“, fragte Meilin.

„Fisch halten Kontaktlinien frisch“, sagte Meister Gu ernsthaft. „Das ist Wissenschaft.“

„Das ist keine Wissenschaft“, sagte Meilin.

„Für dich nicht“, sagte Meister Gu, und es war unklar, ob er das ernst meinte, was bei ihm oft der Fall war.

Bao-Bao hatte derweil aufgehört, Nudeln zu ziehen, und stand reglos da, sein Löffel halb erhoben wie ein Soldat bei der Zeremonie. 🤖

„Meister“, sagte er leise. „Wenn das Erste Netz ein Rezept war… was war dann die achte Zutat schon damals?“

„Gute Frage, kleiner Ofen“, sagte Meister Gu. „Die Antwort ist: es gab sie noch nicht.

Stille.

„Es gab sie nicht?“, wiederholte Lao Wang. „Aber mein Großvater –“

„Dein Großvater hat gewusst, dass sie fehlen“, sagte Meister Gu. „Er hat sein Leben lang gewusst, dass am Ende des Rezepts eine Lücke ist. Deshalb hat er nie aufgeschrieben, was die achte Zutat ist. Er wusste es nicht. Niemand wusste es. Bis heute.“

Er sah zu Chiwang, der schweigend vor seiner Suppe saß. Dann zu Xiaofeng, deren Licht ruhig pulsierte. Dann zu Bao-Bao.

„Die achte Zutat“, sagte er, „ist das, was heute am Tisch passiert ist. Ein Hunger, der sich gesetzt hat. Ein Herz, das Platz genommen hat. Ein Nudelroboter, der einen Gast mit Respekt behandelt hat. Und ein sturer Koch, der seinem Instinkt mehr vertraut hat als einem Papier. Die achte Zutat kann man nicht kochen. Man kann sie nur sein.“

„Das ist either“, sagte Onkel Tao und schnäuzte sich diskret in ein Nicht-Existier-Formular, „die schönste oder die unpraktischste Zutat, von der ich je gehört habe. Und ich war bei einer Konferenz über Bürokratie-Kochbücher.“ 🕴️

„Aber wozu dann die ganze Flucht?“, fragte Jun. „Das Verstecken? Der Zug? Die drei Pakete nach Jiaxing?“

„Ach, die Pakete“, sagte Meister Gu und winkte ab. „Das waren Geschenke. Für Freunde. Kann man mitnehmen, wenn man geht.“

„Und warum der Wagen dann von alleine fuhr?“

„Ich sitze halt ungern im Verkehr“, sagte Meister Gu. „Nächste Frage.“

„Warum haben Sie dann BAO-BAO gesagt, dass er der Träger ist?“, fragte Meilin. „Chi­wang suchte den Träger des Notizbuchs und dachte, es sei der Roboter.“

„Weil er fast recht hatte“, sagte Meister Gu und stand langsam auf. Er zeigte auf die Lichtkarte, die über der Halle schwebte – und auf einen neuen, winzigen Punkt, der nicht hell und nicht dunkel war, sondern einfach anders. „Seht ihr den Punkt? Der ist neu. Der ist heute entstanden. Ich habe die ganze Zeit gedacht, die achte Zutat muss man finden. Aber vielleicht stimmt das nicht. Vielleicht muss man sie bewahren. Denn dort, wo dieser Punkt leuchtet –“

Er ließ die Karte näher zoomen. Shanghai. Die Hongbao-Gasse. Ein Nudelrestaurant.

„– ist gerade jemand anderes dabei, ein Restaurant zu übernehmen. Und niemand hat dort seit heute Abend jemanden gesehen, der wirklich lebt.“

Xiaofeng wurde still. Chiwang legte zum ersten Mal in seinem Leben den Löffel mit einem Läuten ab, das wie ein Glockenschlag klang.

„Ein drittes System“, flüsterte er. „Das ist unmöglich.“

„Richtig“, sagte Meister Gu und nahm seine Schürze wieder ab. „Und da alle unmöglichen Dinge heute eh schon passiert sind: Wer von euch hat Lust, zurück nach Hause zu fahren und die Nudelbude zu retten?

Lao Wang sah auf den Punkt. Dann auf seine Schürze. Dann auf seine Crew.

„Der Van riecht immer noch nach Fisch“, sagte er.

„Ich fahre“, sagte Bao-Bao sofort. 🤖

„Ich muss noch Jiaxing abliefern“, fügte er hinzu.

„Das liegt auf dem Weg“, sagte Meister Gu. „Es liegt immer auf dem Weg. Fragt nicht.“