Das Restaurant am Ende des Netzwerks

Teil 14 – Rückfahrt mit Familienanschluss

Der Fisch-Lieferwagen fuhr wieder. Diesmal ging die Fahrt in die richtige Richtung: Nordosten, nach Shanghai. Und zum ersten Mal in dieser Geschichte saßen alle drin, die dazugehörten: Lao Wang am Beifahrersitz, Jun und Meilin im Fond, Onkel Tao auf dem improvisierten Sitz aus zwei Getränkekisten und einer Reisematte, Bao-Bao am Steuer – und auf dem Ladeflächen-Sitz zwischen drei Fischkisten: Xiaofeng, Chiwang und Meister Gu.

Drei Legenden aus Licht, Hunger und Gemüse, gemeinsam auf einem Rücksitz. Es roch nach Fisch und Geschichte.

„Fassen wir zusammen“, sagte Jun und streckte die Beine auf Onkel Taos Formularkoffer. „Wir fahren zurück. In die Nudelbude. Wo ein unbekanntes drittes System unseren Laden übernommen hat. Ohne dass jemand weiß, was es will.“

„Im Grunde“, sagte Onkel Tao, „ist das eine klassische Hausfriedensbruchslage. Endlich wieder ein normales Problem. Ich habe ganze Ordner voll davon.“ 🕴️

„Was mich interessiert“, sagte Meilin, die ihr Tablet aufgeladen hatte am Zigarettenanzünder, „ist, WIE etwas die Bude übernehmen kann. Die Hongbao-Gasse ist analoger als ein Dorfbriefkasten. Kein WLAN, das nicht schon von Bao-Bao verwaltet wird.“

„Das stimmt“, sagte Bao-Bao vom Steuer. „Ich bin der einzige Administrator dort. Und ich habe nichts bestellt. Ich frage jedenfalls niemanden danach, weil ich die Antwort fürchte.“ 🤖

„Vielleicht hat es gekauft“, sagte Chiwang von hinten. Seine Stimme klang mittlerweile weniger leer und mehr wie ein sehr tiefer Radio, der Talkradio hörte. „Man kann Dinge übernehmen, ohne sie zu betreten. Ich weiß das aus Erfahrung. Ich war einmal eine Aktie.“

„Du warst WAS?“

„Lange Geschichte. Finanzcrise. Ich war jung und hungrig.“

Meister Gu, der die ganze Zeit schweigend auf dem Rücksitz gesessen und Kartoffeln geschält hatte – woher die kamen, wollte niemand fragen –, sagte ohne aufzusehen: „Es wird nicht gekauft haben. Es wird eingeladen worden sein.“

„Von wem?“

„Von der Gasse“, sagte er. „Orte, an denen dreißig Jahre lang dieselben Menschen dieselben Suppen duften, entwickeln so etwas wie… einen Gaumen. Die Hongbao-Gasse ist einander lange treu gewesen. Aber Treue ohne Neuigkeit wird irgendwann sehnsüchtig. Und Sehnsucht lässt Türen offen, die geschlossen sein sollten.“

„Das ist Metaphysik“, sagte Meilin.

„Das ist Immobilienkunde“, sagte Meister Gu.

Lao Wang drehte sich langsam um. „Meister. Du warst dreißig Jahre weg. Hat sich in der Bude außer dem Kühlschrank irgendetwas verändert, von dem ich nichts weiß?“

„Nun“, sagte Meister Gu und schälte in Ruhe weiter. „Es gab da 2009 diese Wandzeitung, auf der die Nachbarschaft Beschwerden sammelt. Und es gab 2016 den Ventilator, den du nie reparieren wolltest. Und dann ist da noch –“

„DER VENTILATOR“, unterbrach Lao Wang. „Der Ventilator aus dem Jahr 2016?“

„Der dreht sich seit elf Jahren in dieselbe Richtung. Selbst wenn er aus ist. Das ist kein elektrisches Problem, Junge.“

„Ich dachte, das ist ein Feature!“

„Niemand denkt, das ist ein Feature!“, riefen Jun und Meilin gleichzeitig.

Bao-Bao, der das Steuer festhielt wie ein Reiseführer die Wahrheit, sagte ruhig: „Ich habe den Ventilator dreitausend mal analysiert. Sein Magnetfeld ist falsch. Ich hab das nie gemeldet, weil er … nett ist. Manchmal, wenn nachts alle weg sind, dreht er ein bisschen schneller, wenn ich von Xiaofeng erzähle.“

Stille im Wagen. Sogar die Fischkisten schienen zu lauschen.

„Dann wissen wir ja, wo es hineingeht“, sagte Xiaofeng leise. „Wenn ein drittes System eingetreten ist, dann durch ein Gerät, das sich dreißig Jahre lang geduldet hat. Etwas, das nicht das Netz gebaut hat, sondern die Gasse. Etwas Geduldiges.“

„Wartet“, sagte Jun. „Wenn der Ventilator seit elf Jahren grinst und sich falsch dreht… habt ihr jemals überprüft, ob er wirklich nur EINEN Ventilator meint? Also – ob da mehrere sind? Wie viele Ventilatoren hat eigentlich eine Nudelbude?“

Lao Wang zählte. „Der Deckenventilator. Der Standventilator für die Sommersitze. Der kleine USB-Ventilator am Rand vom Tresen. Der…“ Er hielt inne. „Der Ventilator im Kühlraum. Den hat 2003 ein Installateur montiert, der nie eine Rechnung geschickt hat, und dessen Gesicht ich mich trotz sieben Fotos im Handy nicht erinnern kann.“

„Ich erinnere mich an sein Gesicht“, sagte Meister Gu friedlich und legte einen Kartoffelschälstein beiseite. „Es war meins.“

„DU WARST DER INSTALLATEUR?“

„Ich sagte doch: Ich bin seit 1996 nicht mehr vollständig hier. Aber gut disguise als Installateur bin ich immer noch. Außerdem wollte ich nachsehen, wie es dem Kühllager geht. Es ist ein wichtiges Lager.“

„WAS LIEGT IN DEM LAGER, MEISTER GU.“

„Suppe“, sagte Meister Gu. „Eine einzigg letzte Portion. Eingefroren im Jahr 1996. Die einzige Tüte der Welt, in der ein ganzer Traum eingekocht wurde.“

Im Wagen wurde es still. Der Motor rappelte. Die Nacht schob sich an den Fenstern vorbei, und irgendwo zwischen Hangzhou und Jiaxing leuchteten die drei Pakete auf dem Rücksitz auf – alle drei gleichzeitig, in einem ruhigen, regelmäßigen Puls.

„Und die Pakete?“, fragte Meilin langsam. „Für die Freunde in Jiaxing. Was ist darin, Meister Gu?“

„Besteck“, sagte Meister Gu. „Drei Servietten. Und je eine Einladung.“

„Wozu?“

Meister Gu lächelte und sah auf die leuchtenden Pakete. „Zum ersten Abendessen des neuen Netzes, Kind. Heute Nacht. In eurer Nudelbude. Ich habe schon vor Monaten alles vorbereitet. Wir fahren nicht nach Hause, um es zu retten. Wir fahren nach Hause, um zu eröffnen.“ 🥢

Und während der Wagen durch die Nacht rollte, lief auf Meilins Tablet die Karte von Shanghai ein. Auf der Hongbao-Gasse, exakt über Lao Wangs Nudelbude, saß ein neues Symbol: kein Kreis aus zwölf Punkten, kein Loch, kein Wind.

Ein Tisch. Klein, gedruckt in Pixeln. Und darunter, in geduldiger Schrift:

„Reservierung für heute Abend. 12 Personen. Der Name: Erinnerung.“ 🪑