Am nächsten Morgen standen Lena und Max früh auf, die vergilbte Karte fest in der Hand. Der geheimnisvolle Ort lag irgendwo an einer Küste, die auf keiner ihrer üblichen Reisekarten zu finden war. „Also, das ist jetzt echt irgendwo zwischen Nirgendwo und Abenteuer“, murmelte Max, während er die Karte vorsichtig zusammenfaltete.
„Na, dann mal los!“, sagte Lena mit einem breiten Grinsen. „Rucksack auf und ab an die Küste.“
Sie hatten noch keine Ahnung, wie sie dorthin kommen sollten, aber das war ja das Spannende. Nach einer kurzen Recherche fanden sie einen Bus, der sie zumindest in die Nähe bringen würde. Die Fahrt war lang, die Straßen wurden immer schmaler und die Landschaft immer rauer. Schließlich hielt der Bus an einem winzigen Ort, der kaum mehr als ein paar Häuser und eine kleine Mole hatte.
„Hier soll das sein?“, fragte Max skeptisch, während er aus dem Fenster blickte. Das Meer glitzerte in der Sonne, und Möwen kreisten laut schreiend über den alten Booten. „Sieht aus wie aus dem Bilderbuch, aber irgendwie auch verlassen.“
„Genau mein Ding“, antwortete Lena. „Lass uns mal den Ort erkunden.“
Sie schlenderten die kleine Hauptstraße entlang, vorbei an einem winzigen Laden, der mehr nach Tante-Emma-Laden aussah, und blieben schließlich vor einer kleinen Hütte am Hafen stehen. Ein alter Mann mit wettergegerbtem Gesicht saß auf einer Bank und flickte ein Netz.
„Entschuldigung, können wir Sie was fragen?“, begann Lena vorsichtig.
Der Alte blickte auf, seine blauen Augen funkelten hinter einer dicken Hornbrille. „Na klar, junge Leute. Was führt euch hierher?“
Max zeigte ihm die Karte. „Wir sind auf der Suche nach diesem Ort hier. Irgendwie geheimnisvoll, wissen Sie? Wissen Sie, ob das hier bekannt ist?“
Der Fischer lächelte schwach und nickte. „Ach, die Karte… die kenne ich gut. Sie führt zu einem kleinen Dorf, das früher mal hier war. Heute ist es fast vergessen, von der Zeit verschluckt.“
„Was ist denn passiert?“, fragte Lena neugierig.
Der Mann seufzte tief. „Vor vielen Jahren gab es hier eine Fischergemeinschaft. Sie lebten einfach und zufrieden, bis eines Tages ein Sturm kam, so heftig, dass er fast alles zerstörte. Viele gingen fort, und der Ort wurde verlassen. Nur wenige blieben zurück, die Geschichten und Geheimnisse bewahrten.“
Max runzelte die Stirn. „Geschichten? Geheimnisse?“
„Ja“, sagte der Fischer und beugte sich vor. „Man erzählt sich, dass dort am Strand eine alte Truhe vergraben sein soll. Sie soll Dinge enthalten, die niemand versteht – Karten, Briefe, vielleicht sogar etwas Wertvolles. Aber niemand hat sie je gefunden.“
Lena sah Max an. „Na, das klingt doch nach einem Abenteuer! Vielleicht finden wir ja diese Truhe.“
Der Fischer lachte leise. „Seid vorsichtig, Kinder. Manchmal sind manche Geheimnisse besser verborgen.“
Als die Sonne langsam unterging, verabschiedeten sich Lena und Max und suchten sich eine kleine Pension in der Nähe. Die Nacht war still, nur das Rauschen des Meeres und das Kreischen der Möwen begleiteten sie.
Am nächsten Morgen wachten sie früh auf, bereit, die Küste weiter zu erkunden. Doch als Lena ihren Rucksack öffnete, stockte ihr der Atem. Die vergilbte Karte, die sie so sorgsam bewahrt hatten, war verschwunden.
„Max, die Karte ist weg!“, flüsterte sie panisch.
Max riss die Augen auf und sah sich hektisch im Zimmer um. „Was? Wie kann das sein? Ich hab sie doch gestern noch eingepackt!“
Sie suchten überall, durchwühlten ihre Sachen, aber die Karte war wie vom Erdboden verschluckt.
„Das kann doch kein Zufall sein“, murmelte Lena und schaute zum Fenster hinaus, wo die ersten Fischerboote schon wieder aufs Meer hinausfuhren. „Irgendetwas stimmt hier nicht.“
Plötzlich hörten sie draußen Schritte auf dem Flur – langsam, leise, aber bestimmt. Beide blickten sich an, das Herz schlug schneller. „Wer zum Teufel ist das?“, fragte Max.